Am Tiberiassee erging sich mit seinem Lieblingsschüler Chajjim Vital Calabrese der Meister der Kabbala, Rabbi Isaak Luria. Aus der Mirjamquelle tranken die Männer, fuhren hinaus auf den See. Der Meister sprach von seiner Lehre. Es schwebten die Geister über den Wassern, der Nachen stand still. Es war ein Wunder, daß er nicht sank; denn schwer vom Leben von Millionen war der Rabbi und sein Wort.

Zurück zum Quell der Mirjam kehrten die Männer. Und wieder tranken sie. Da änderte die Quelle plötzlich ihren Lauf. Einen Bogen in die Luft bildete sie, zwei senkrechte Strahlen, einen Querstrahl darüber. Hinein in den Bogen trat der Rabbi als dritter senkrechter Strahl. So ward aus ihm und dem Quell der Buchstab Schin, der Anfang des erhabensten Gottesnamens Schaddai. Und der Buchstab wuchs und wuchs und spannte sich über den See und spannte sich über die Welt. Als der Schüler Chajjim Vital zurückfand aus seiner Verwirrung, floß die Quelle wie früher, doch der Rabbi Isaak Luria war nicht mehr da.

Es war aber dieses Mittelglied des allerheiligsten Buchstabens das einzige, was er niedergeschrieben von seiner Lehre. Denn die Worte seiner Lehre fielen von seinen Lippen und waren wie Schnee. Er ist da, er ist weiß und leuchtet und kühlt; doch halten kann man ihn nicht. So fiel von seinem Mund die Lehre und man konnte sie nicht halten. Der Rabbi schrieb sie nicht nieder und duldete auch nicht, daß ein anderer sie schrieb. Weil das Geschriebene verwandelt ist und der Tod des Gesprochenen. So ist auch die Schrift nicht das Wort Gottes, sondern Maske und Verzerrung und ist, was Holz ist vor dem lebendigen Baum. Erst im Mund des Wissenden steht sie auf und lebt.

Allein nachdem der Rabbi verschwunden war, konnte sich der Schüler nicht enthalten, die Lehre aufs Papier zu zeichnen mit den geschwätzigen, lügnerischen Zeichen der Schrift. Und er schrieb das Buch vom Lebensbaum und er schrieb das Buch von den Verwandlungen der Seele.

Ach, wie weise war der Meister gewesen, daß er seine Erkenntnis nicht besudelt durch die Schrift, daß er die Lehre nicht verzerrt durch den üblen Zauber der Buchstaben. In seine Gesichte war Elia der Prophet getreten, Simon ben Jochai in seine Nächte. Die Sprache der Vögel war ihm erschlossen, der Bäume, der Flamme, des Steins. Die Seelen derer in den Gräbern konnte er sehen und die Seelen der Lebenden, wenn sie sich an den Sabbat-Abenden zum Paradies schwangen; auch konnte er von den Stirnen der Menschen ihre Seelen ablesen, sie an sich ziehen, mit ihnen sprechen, sie dann wieder zu ihren Eignern entlassen. Die Kabbala hatte sich ihm geweitet, durchsichtig war ihm der Leib der Dinge, er sah in Einem Körper, Geist und Seele; Luft, Wasser, Erde war voll von Stimmen und Gesichten, er sah das Weben Gottes in der Welt, die Engel kamen und hielten Zwiesprach mit ihm. Er wußte, daß überall Geheimnis war, aber ihm schlug das Geheimnis das Aug auf, schmiegte sich ihm wie ein folgsamer Hund. Wunder blühten an seinem Weg. Der Baum der Kabbala ging durch ihn durch, seine Wurzeln waren tief im Innern der Erde, seine Wipfel im Himmel fächelten das Gesicht Gottes.

Ach, aber wie wandelte sich in den Büchern des Schülers diese Weisheit. In wilder Unzucht keimte aus ihnen Narrheit und Erkenntnis. Falsche Propheten und Messiasse wuchsen aus den Buchstaben, Zauberei und Wirrwarr, Entrückung und Wunder und Hurerei und Machttaumel und Gottesversunkenheit entgoß sich aus ihnen in die Welt. Das fahle Antlitz des Simon ben Jochai schaute aus diesen Buchstaben, und im Gestrüpp seines silbernen Bartes lagen gesichert und entrückt Myriaden von Frommen und Heiligen, und es prunkten aus den Zeichen dieser Bücher nackt und frech die Brüste der Lilith, und an ihren Zitzen hingen taumelnd und lallend und mit schwindenden Sinnen die Kinder der Lust und der Macht.

Und dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria Aschkinasi:

„Es kann geschehen, daß in Einem Menschenleib nicht nur Eine Seele eine neue Wanderung erleidet, sondern daß zu gleicher Zeit zwei, ja mehrere Seelen sich mit diesem Leib zu neuer Erdenwanderung einen. Mag sein, die eine ist Balsam, die andere Gift; mag sein, die eine war eines Tieres, die andere eines Priesters und Beflissenen. Nun sind sie in Eines gebannt, Einem Leib zugehörig wie rechte und linke Hand. Sie durchdringen sich, sie verbeißen sich ineinander, sie schwängern sich, sie fließen ineinander wie Wasser. Wie immer aber, sich zermalmend, sich aufbauend, stets ist solche Vereinigung Hilfe von einer Seele zur andern um der Sühnung der Schuld willen, um die sie die neue Wanderung erleidet.“

Dies sind einige Sätze aus der Geheimlehre des Rabbi Isaak Luria, des Adlers der Kabbalisten, der geboren war in Jerusalem, der sieben Jahre sich kasteite, einsam an den Ufern des Nils, der seine Weisheit nach Galiläa trug und Wunder tat unter den Menschen, der niemals seine Lehre entweihte durch Schrift und Papier, und der geheimnisvoll verschwand auf dem Tiberiassee im achtunddreißigsten Jahre seines Lebens.