Der Fürstbischof von Würzburg fuhr behaglich durch das gesegnete Land. Wohlig atmete der dicke Herr, bequem zurückliegend in den weichen Polstern des gut federnden Wagens, den milden Duft der ersten Obstblüte; alles schwamm in junger Sonne, flaumig lag und zärtlich das junge Grün auf Boden, Baum und Strauch. Der Bischof reiste nach Stuttgart zur Taufe des Erbprinzen. Er war heiterster Laune. Das feine Land! Das reiche, gesegnete Land! Das war nun Rom und der Kirche gesichert.
Friedrich Karl von Schönborn, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg, der erste Diplomat der Kirche, von den Katholiken als das große Weltorakel, der deutsche Ulysses gefeiert, von den Evangelischen als tückische Schlange, Haman und Herodes begeifert und verlästert, war ein jovialer, behäbiger Herr. Sehr weltmännisch, am Wiener und am päpstlichen Hofe zu Hause, vielgereist und beweglich, war er von einer weit überschauenden, gütigen Menschenverachtung, sah er in einem gütigen Absolutismus, in einem heiteren Katholizismus das Heil der Welt. Die Masse war dumpf, dumm und finster, das war gottgewollt, das hatte Gott nun so eingerichtet, Lebensklugheit forderte, sich damit abzufinden. Es war schmerzlich, daß soviel Elend in der Welt war; je nun, man mußte das beklagen. Doch es genügte, zuweilen darüber zu seufzen; immer darob Trübsal zu blasen oder verkniffen finster auf Aenderung solcher Naturordnung zu sinnen, war Sache von Toren und dunklen Schwärmern. Er, Schönborn, hatte seine besten Jahre in Italien verbracht, hatte seine diplomatischen Künste in Venedig erlernt, er liebte die helle, südliche Luft, er fand sie in seinem Würzburg wieder. Sein Katholizismus kam ihm tief aus dem Blut, sein Essen und Trinken, wie er stand und ging, war katholisch. Er sah die Kirche, wie er sie in Italien mit allen Sinnen eingesogen hatte. Die Sammlungen des Vatikan waren ein Teil davon, die venetianische Diplomatie war ein Teil davon, selbst das Albanergebirge war ein Teil davon. Alles, was schön war in der Welt, und das war, Gott sei Dank! sehr vieles, Messen und Kirchen und Wein und Kunstwerke und Staatsstreiche und eine schöne Predigt und eine gut gewachsene Frau, alles was hell und heiter war in der Welt, war römisch und katholisch. Aber was dumpf war und verquollen und nebelig und spinnwebfarben, das war evangelisch, sächsisch, brandenburgisch. Er haßte den Protestantismus nicht; denn er haßte nichts auf der Welt. Aber er war ihm tief zuwider. Diese graue, nüchterne Liturgie, diese fahle, verzwickte, dunstige Theologie, das war schlechte Luft, war Pöbelweisheit, steriles Gewäsche. Die Apostel selber, wenn sie heute wiederkämen, verstünden nichts von den Dingen, um die diese sogenannten Theologen stritten. Nicht atmen konnte man in dieser dumpfen, grauen Welt. Aber, gloria in excelsis! von diesen heiteren schwäbischen Fluren hob sich der Nebel jetzt, er, Friedrich Karl, hatte sein gut Teil dazu beigetragen, dem Land die helle, katholische Luft zu schaffen, die ihm soviel besser anstand. Jetzt fuhr er, einen neuen Herzog im rechten Glauben zu taufen. Ei, wohl war es eine gut eingerichtete Welt! Ei, wohl war es eine Lust zu leben. Und er atmete fröhlich die milde Luft und er scherzte mit seinen klugen Räten und er schenkte den Kindern an seinem Wege Münzen und er schaute wohlgefällig auf das artige Aufwartemädchen im Wirtshaus. Und sein schwerer Leib schwankte zufrieden und sein feistes, kluges Gesicht strahlte Heiterkeit über alle seine Umgebung.
Aber dem Land ging er auf wie ein blutig roter, Unglück kündender Vollmond. Ach, der Sieg, den man im Stettenfelser Handel errungen, war nur eine kurze Aufhellung gewesen. Jetzt zeigte sich, daß das Land umstellt war, daß die Maschen des Netzes von allen Seiten geknüpft waren. Was halfen alle Klauseln und fürsorglichen Reversalien gegen die höllisch schlauen Interpretierungskünste der Würzburger Räte! Und selbst wenn man dagegen aufkam, wenn man sie säuberlich Punkt um Punkt widerlegte, frommte es doch zu nichts; denn hinter den Würzburgern stand das Militär, standen die Bajonette der herzoglichen Armee. Hatte der Jud den Leib und das Geld genommen, so kam jetzt der Katholik und fraß die Seele. Katholizismus, das hieß Preisgabe seiner selbst, Preisgabe aller menschlichen und politischen Freiheit. Das hieß Militär-Absolutismus, hieß Löcherung aller bürgerlichen Tugend und Tüchtigkeit, hieß eine große, dumpfe Masse von Knechten und ein kleines Häuflein zuchtloser Höflinge schrankenlos darüber. Katholizismus, das hieß die Herrschaft Beelzebubs, hieß Ueppigkeit, Schamlosigkeit, Tyrannei, Hurerei, Völlerei. Wie eine Raupe schlug das Land um sich. Aber es war ein kraftloses, hoffnungsloses Umsichschlagen. Der Jud hatte gut vorgearbeitet, so hatte der Katholik leichtes Werken. Resigniert und stumpf, eingeschüchtert von dem herrischen Gewese der Beamten, den Fußtritten der katholischen Offiziere, hockten in den Schenken die Bürger, hatten für die neuerliche Ankunft des Würzburgers nur ein ohnmächtiges, höhnisch stumpfes Gelächter. Da hat man’s ja! Da sieht man’s ja! Aber weiter nicht wirkte der Zorn sich aus, und alle saßen sie jetzt wie der schweinsäugige Konditor Benz giftig und geduckt.
Die Geheimen Räte Harpprecht und Bilfinger stemmten sich schwer und kräftig den Absichten des Herzogs entgegen. Doch wenn sie auf administrativem Gebiet manches erreichten, so besagte das nicht viel. Denn sie sahen sehr wohl, die Gefahr kam von anderer Seite her, sie lag in der Katholisierung der Armee. Und die war nicht aufzuhalten. Die Würzburger Herren, die Räte Fichtel und Raab, sahen denn auch den Bestrebungen der Württemberger still, vergnügt und kennerisch zu; ja, sie ließen ihnen höflich und mit ironischem Wohlwollen gelegentlich sogar einen kleinen Vorsprung. Es war amüsant zuzuschauen, wie die beiden schweren, biederen Protestanten sich fruchtlos abzappelten, während sie ihre Pläne einfach von der Zeit reifen ließen. So gewiß dem April der Mai, so gewiß mußte ihren Projekten die Erfüllung folgen.
Nur eine ernsthafte Schlappe erlitten die Katholischen. Der Elferausschuß des Parlaments benützte eine leichte Erkrankung des Weißensee, an Stelle des zweideutigen Mannes einen zuverlässigen Evangelischen und Demokraten zu setzen, den Regierungsrat Moser, den Publizisten, der sich im Stettenfelser Handel so sichtbarlich ausgezeichnet hatte. Da saßen nun die Elf, wüteten, tobten, fluchten. Mannhaft und ernst vertrat die Sache des Landes der Präsident Sturm, grobzornig und unflätig schimpfend die Bürgermeister von Brackenheim und Weinsberg, schwungvoll pathetisch Moser, doch düster und Weltverachtung in den Mundwinkeln der Konsulent Neuffer. Ja, Neuffer saß nicht mehr auf den Stufen des Throns. Er hatte erkannt: die Macht fuhr nicht brausend und alles niederrennend einher, mit Donner und Blitz und in großem Glanz, wie er es sich vorgestellt; nein, sie war zusammengesetzt aus lauter kleinen Kniffen, sie kämpfte mit lauter schäbigen Tricks und meskinen Mittelchen, kurz, es war um sie nicht besser bestellt als um die Freiheit. Es stank hier wie dort aus tausend Löchern, alles war ekles Flickwerk, Macht oder Freiheit, Absolutismus oder Demokratie, es war nur ein prunkender Mantel, unter dem sich widerliche, kleinliche, alberne Gelüste und Gefühlchen versteckten. Da war es schon besser, auf der Seite zu stehen, auf die man von Geburt geworfen war. Er kehrte finster und menschenverachtend der Sache des Hofs den Rücken und stellte seinen verkniffenen, gravitätischen Fanatismus wieder in den Dienst des Volkes, des Parlaments, der Evangelischen.
Doch ob man ernsthaft sachlich und gewichtig opponierte wie Sturm oder mit düsterem Eifer wie Neuffer oder mit grobem Geschimpf wie die Bürgermeister Jäger und Bellon, es fruchtete wenig. Auf die mannigfachen, umständlichen Reklamationen, Beschwerden, Petitionen, submissesten Vorstellungen des Parlaments kam aus der herzoglichen Kanzlei hochfahrend kurzer oder überhaupt kein Bescheid. Hingegen hörte man von drohenden und gewalttätigen Reden des Herzogs, er wolle ein Bataillon Grenadiere vors Landhaus marschieren und es den Kujonen drinnen machen lassen, wie schon einmal ein Herzog von Württemberg getan. Mehrmals äußerte er, nun werde er bald dieser tückischen und aufrührerischen Hydra den Kopf zertreten. Eine Reklamation des parlamentarischen Ausschusses wegen der Regelung des Pupillenwesens war in besonders scharfen und unklugen Worten abgefaßt. Karl Alexander ließ sich daraufhin von dem Geheimrat Fichtel, der als erster Kenner des Verfassungswesens galt, gutachtlich bestätigen, keine Landschaft dürfe Beschwerden und Gegenvorstellungen erheben, in welchen die Ehrfurcht gegen den Fürsten so außer acht gelassen sei. Der Urheber solchen Schriftstücks verdiene, daß ihm der Kopf vor die Füße gelegt werde. Audienzen landschaftlicher Deputationen beim Herzog hatten keine bessere Folge. Ja, das vierschrötige Gehabe des Bürgermeisters von Brackenheim erbitterte Karl Alexander einmal derart, daß er auf den Mann losging, ihm mit dem flachen Degen seine Untertanenpflicht beizubringen; knapp und mit Mühe konnte der atemlose Deputierte sich retten.
So standen die Läufte, als Johann Jaakob Moser an Stelle des Weißensee in den Elferausschuß berufen wurde. Er war der Jüngste im Ausschuß, doch trotzdem er erst im Anfang der Dreißig stand, ein umgetriebener Mann; hitzig, wichtigmacherisch, mit einem Abenteurerhang zum Wechsel, ein Liebhaber rascher, großer Worte und pathetischer Gesten, sehr geübt mit der Feder, ein leidenschaftlicher Publizist. Von frühester Jugend an hatte sich der rastlose Mensch mit massenhaftem Wissen vollgestopft. Mit siebzehn Jahren schon hatte er Diskurse drucken lassen, mit neunzehn hatte er sich dreist und voll flinken Selbstbewußtseins an den Herzog Eberhard Ludwig herangemacht und war außerordentlicher Professor in Tübingen geworden. Mit zwanzig Jahren wechselte er hinüber an den Wiener Hof, wurde Regierungsrat, pürschte sich an den Kaiser heran. Um sich vor Zwischenträgereien zu sichern, rief man ihn nach Württemberg zurück. Es war indes mit dem starren und anmaßenden Mann nicht auszukommen, er ging nach Preußen, wurde Rektor der abgelegenen und vernachlässigten Universität Frankfurt an der Oder, warf das undankbare Amt sehr bald wieder hin und kehrte unter Karl Alexander nach Stuttgart zurück. Während dieser Jahre schrieb und redete er immerzu und in großen Massen, es gab kein Ding des Tages und der Ewigkeit, daran er nicht seine Rede und seine Feder geübt hätte. Bei alldem fand er, Skeptiker zuerst, dann Deist, noch Muße, erweckt zu werden und sich in die Reihe der Luther, Arndt, Spener, Francke zu stellen.
Er hatte durch sein rasches und kühnliches Zupacken im Stettenfelser Handel groß Aufsehen erregt und fühlte sich jetzt als berufener Erlöser Württembergs. Er beschloß, vertrauend auf seine Rhetorik, ganz einfach und schlechthin, wie Nathan der Prophet zu David, zum Herzog zu gehen und dem Fürsten kraftvoll und dringlich als Mann zum Mann ins Gewissen zu reden. Ueberzeugt von der Macht und dem Eindruck seiner Persönlichkeit erbat er sich also Audienz und ging, ausgezeichnet disponiert, publizistisch, advokatisch, prophetisch in bester Form, zum Herzog, geschwellt und in hoher Stimmung, wie ein Komödiant sich auf eine gut geübte Rolle freut, die ihm liegt. Doch die Audienz verlief unerwartet. Karl Alexander empfing ihn in Gegenwart des Süß. Moser ließ sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Er sprach gelehrt, gründlich, mit Ueberzeugung, brachte moraltheologische Argumente, Exempel aus der heiligen, der antiken, der neuen Geschichte, mischte Staatsrechtliches mit Praktisch-Billigem, brachte Vergleiche aus der Natur, kurz, er fand sich hinreißend. Der Herzog und der Jude hörten aufmerksam zu; ja, als dem im Eifer Hin- und Herschreitenden ein Sessel im Wege stand, rückte der Herzog eigenhändig ihn weg, damit Moser nicht behindert sei. Doch als der Publizist nach etwa zwanzig Minuten innehielt, den einen Arm rund und mit schöner Geste erhoben, klopfte der Herzog ihm auf die Schulter und sagte anerkennend: „Wenn das Kind, das die Herzogin erwartet, ein Junge wird, muß Er ihm die Rhetorik beibringen.“ Süß hingegen machte etliche Anmerkungen über den Unterschied in der deutschen und der welschen Deklamation. Und als der schwitzende Publizist von dem schmunzelnden Karl Alexander verblüfft entlassen war, mußte er sich gestehen: „Armes Land! Armes Vaterland! Dir kann selbst ich nicht helfen.“
Der Würzburger hatte also alle Ursach zu heiterster Laune, als er jetzt in Stuttgart einzog. Die Taufe des schwäbischen Erbprinzen unter so günstigen Auspizien war ein Triumph der katholischen Sache weit über die württembergischen Grenzen hinaus. Sie wurde denn auch mit den größten Feierlichkeiten und unter solennem Zustrom katholischer Fürsten und Herren vollzogen. Der Papst ließ bei diesem Anlaß durch einen Sondergesandten die Herzogin mit dem Ritterkreuz des Maltheserordens schmücken. Nur zwei Damen außer ihr besaßen diesen Orden, die Königin von Spanien und die Fürstin Ucella in Rom.
Marie Auguste lag ziervoll, das Pastellgesicht ganz durchsichtig, in ihrem mächtigen Prunkbett. Das Amulett des Süß mit den primitiven, bedrohlichen Vögeln und den blockigen, unheimlichen Buchstaben lag trotz des Verbots ihres Beichtvaters unter ihrem Kopfkissen; sie lächelte spitzbübisch, wenn sie dachte, wie der wohl, wüßte er es, wütete. Sie war fest überzeugt, nur das Amulett habe sie gerettet; denn die Entbindung war langwierig und schmerzhaft gewesen. Jetzt, nachdem die Geburt vorbei war, fürchtete sie sehr, sie möchte dauernd entstellt sein, und die Medici Doktor Wendelin Breyer und Doktor Georg Burkhard Seeger mußten ihr immer wieder versichern, daß keinerlei Narben und silberne Furchen den Körper Ihrer Durchlaucht verunzieren würden. Mehr aber als auf die Aerzte hörte sie auf die Beruhigungen der alten Barbara Holzin, die ungeheuer kundig und autoritativ die Aussagen der Aerzte bestätigte. Im übrigen fand Marie Auguste die Situation höchst komisch. Sie betrachtete neugierig und amüsiert dies Menschlein, das sie zur Welt gebracht. Sie hatte also, ei, ei! dem Land einen Erbprinzen geschenkt, sie beschaute sich neugierig in dem Spiegel mit dem mächtigen Rand von getriebenem Gold: nun war sie demnach im wahrsten Sinn Landesmutter. Kurios war das, kurios. Karl Alexander wußte nicht recht, was er sagen solle; er überhäufte sie ziemlich wahllos mit Geschenken, die mehr den guten Willen als den Takt des Spenders verrieten. Dann, als sie Besuche empfangen durfte, schickte sie die fließenden Augen über Remchingen, über Riolles, weidete sich an der Unbeholfenheit der Herren, die, Kindern sehr fremd, sich mühsam bewundernde Phrasen über den Säugling abzwangen.