Es taufte aber der Fürstbischof von Würzburg den Erbprinzen von Württemberg und Teck, Erbgrafen von Mömpelgard, Erbgrafen von Urach, Erbherrn von Heidenheim und Forbach usw. usw., auf den Namen Karl Eugen.

Und es krachten die Böller, es läuteten die Glocken. Galatafel, Feuerwerk. Braten wurde gegen einen Glückwunsch, gegen ein Vergelt’s Gott Wein verschenkt. Und so sehr das Volk über den katholischen Erbprinzen fluchte, war doch schon am frühen Nachmittag kein Bissen Braten, von den zahllosen ungeheuren Fässern kein Schlückchen Wein mehr da.

Süß hielt sich während dieser Feierlichkeiten sehr im Schatten. Früher hatte er sich auf jede Art an den Bischof und die Würzburger Herren herangemacht; nun schien es beinahe, als meide er sie mit Absicht. Das katholische Projekt, jetzt ausschließliches Zentrum der schwäbischen Politik, lag ganz in den Händen der Würzburger Diplomaten und der Militärs. Hatten sich die Herren darauf gerüstet, den Finanzdirektor nur mit Mühe und unter allen möglichen Tifteleien und Vorwänden auszuschalten, so sahen sie jetzt verwundert, daß er allem, was mit dieser Frage zusammenhing, sorglich auswich. Sie verstanden das nicht, sie glaubten an eine Finte, vermuteten, der Jude intrigiere direkt beim Herzog. Doch auch zu Karl Alexander kam Süß nur, wenn er gerufen wurde. Der Herzog war ungnädig, daß er in der peinlichen Eßlinger Affäre zum Spott des ganzen Reichs dem Juden seinen Willen hatte tun müssen, er zeigte dem Süß bei jeder Gelegenheit ein verdrießlich abweisendes, gereiztes Gesicht; doch der, ganz gegen seine Art, blieb zurückhaltend und gelassen, tat nichts, um die alte Vertraulichkeit des Fürsten wiederzugewinnen.

Er beschränkte sich streng auf die Verwaltung der Finanzen. Früher hatte er, da schließlich alles an irgendeinem Faden mit Geld zusammenhing, in der Eigenschaft des Finanzdirektors jedes kleinste Rädchen des Regierungsapparates kontrolliert; nun wies er fast alles, was man ihm vorlegte, zurück als nicht in sein Ressort gehörig. Die Männer der Regierung betrachteten ihn mit Mißtrauen, schnüffelten nach seinen heimlichen, gefährlichen Motiven, fühlten sich unbehaglich in der Erwartung, solche scheinbare Untätigkeit sei nur Vorbereitung eines großen Coups.

Wenn der Herzog nicht wie schon einmal die Zurückhaltung des Juden durch Stockung des Geldzuflusses empfindlich spüren mußte, so dankte er dies dem kurpfälzischen Rat, den er jetzt ständig in seiner Umgebung hielt, dem Dom Bartelemi Pancorbo. Wild zupackend stürzte sich der hagere Mann mit dem blauroten, fleischlosen Gesicht auf alles, was Süß aus den Händen ließ, hakte sich fest, drohend, wie für die Ewigkeit, auf jeden Platz, den jener freigab, schlang gierig, wovon jener die Zähne löste. Die schwierige, sehr komplizierte und verästelte Finanzierung des katholischen Projekts besorgte er fast ganz allein; damit glitt ihm die Oberleitung der Staatsgeschäfte in die Hand. Ja, er drang ein in den eigentlichsten Fug und Besitz des Juden. Da war etwa die Sache mit dem Tabaksmonopol. Auf Betreiben des Süß hatte nach mannigfachen halben Experimenten eine jüdische Sozietät in Ludwigsburg eine Tabakfabrik gegründet. Die Gesellschaft arbeitete mit großen Mitteln und auf weite Sicht, errichtete Filialen in Stuttgart, Tübingen, Göppingen, Brackenheim, griff über die Grenzen hinaus. Dom Bartelemi Pancorbo, Inhaber des kurpfälzischen Tabaksmonopols und Sachverständiger in diesen Fragen, maulte vor dem Herzog, die Abgabe, die diese Juden entrichten müßten, sei viel zu niedrig, bot mehr. Süß wich kampflos, auf den ersten Anhieb, entschädigte mit großen Opfern die jüdischen Sozietärs, überließ die wohleingerichtete Fabrik dem erstaunten, grinsenden Portugiesen.

Auch die Geselligkeit, die früher so wild um ihn wirbelte, ließ er abflauen. Es kam jetzt vor, daß er einen Flirt begann und ihn vor dem Ziel müd und gelangweilt abbrach. Unter den zahllosen Frauen seines Bettes, die er verlassen, die er zum Teil vergessen hatte, waren welche, die in jeden Spott einstimmten, der ihn ankotete; welche bewahrten das Erlebnis als etwas Kitzelndes, Verboten-Köstliches wie wohl einen Schmuck, den man, ach! nur in verschlossener Kammer vor dem Spiegel antun darf, und sie schwiegen, sprach man von ihm; welche standen an seinem Weg, wenn er vorüberritt, lächelten großäugig, standen, bis er außer Sicht war, und sie trugen es ihm nicht nach, daß er sie so bald weggeworfen, sie dankten ihm täglich für jene kurzen Stunden, sie bewahrten die Worte, die er wer weiß wie vielen gesagt und längst vergessen hatte, als teuersten Besitz.

Um jene Zeit bekam Josef Süß Augen für seinen Diener und Sekretär Nicklas Pfäffle. Er hatte den fetten, gleichmütigen, langsamen und unermüdlichen Burschen immer gut gehalten, wie man eben einen so ungewöhnlich verwendbaren und zuverlässigen Menschen hält. Aber daß dieser Mensch außer seiner Verwendbarkeit und Zuverlässigkeit auch noch andere Eigenschaften hatte, daß er Regungen und Erlebnisse hatte, die sich nicht auf seinen Herrn bezogen, dies durchzuspüren, nahm sich Süß jetzt zum erstenmal die Mühe. Er sprach darum nicht viel anders zu Nicklas Pfäffle. Es wäre untunlich, ja ganz unmöglich erschienen, zu dem blassen, fetten Burschen ein Wort über das Sachliche und Notwendige hinaus zu sprechen. Aber sein Ton war anders zu ihm, seine Augen gingen anders zu ihm, seine Haltung war vom Menschen zum Menschen.

Auch die Stute Assjadah spürte, daß ihr Herr als ein anderer auf ihr saß. Vielleicht ritt er jetzt nicht mehr in so großem Glanz als früher, vielleicht fühlte man rings im Volk, daß seine Hand nicht mehr die einzige war am Hebel des Regiments; aber die Stute Assjadah spürte, daß sie ihm jetzt anderes war als sein Kleid und sein Schmuck und Hausrat, daß er jetzt ihre Augen sah, daß er jetzt merkte, wie Ein Leben floß in ihm und ihr.

Kurz nach der Affäre mit dem Tabaksmonopol, während man in Stuttgart und Ludwigsburg fieberhaft an der Exekution des katholischen Projekts arbeitete, mit den anderen katholischen Höfen und Herren zettelte, Militärkonventionen schloß, bei Kaiser und Reich die Landschaft ins Unrecht zu setzen, die evangelischen Höfe zu begütigen suchte, während Pancorbo, nach neuen Geldquellen spähend, immer mehr in die Bezirke des Juden eindrang, zog sich der rätselvolle Mann plötzlich aus allen Geschäften zurück, nahm Urlaub, betraute mit der Wahrung des Wichtigsten den Nicklas Pfäffle, verließ mit unbekanntem Ziel und ohne jede Begleitung die Hauptstadt.

Er fuhr nach Hirsau. Er kam sich auf dieser ungewohnt einsamen Fahrt ungeheuer edelmütig und erhaben vor. Zu denken, daß er mit einem einzigen Wort, mit einer einzigen Enthüllung den Herzog ganz für sich gewinnen, sich in die Mitte des katholischen Projekts setzen, die hämischen, triumphierend grinsenden Nebenbuhler an die Peripherie zurückwerfen könnte. Zu denken, daß er einfach die Hände aufmachte, das mühsam Errungene, Einzigartige, letztes, sehnlichst erahntes Ziel aller Welt, wie Wegwurf fallen ließ. Wie edel war er, wie jenseitig, wie opferfroh! Er legte Ernst, Weltabgewandtheit, priesterhafte Getragenheit über sein Gesicht, er befahl seinem flinken, eleganten Körper, würdevoll langsam zu sein, seinen fliegenden, rastlosen Augen, ernst und sinnierend zu schauen.