Wählte er sonst für seine Besuche Zeiten, in denen er den Kabbalisten fern glaubte, so suchte er jetzt seine Gegenwart. Die verströmende Hingabe des Kindes schien ihm selbstverständliche, fast geschuldete Gegengabe des Schicksals. Naemi, obzwar ihr Gesicht, Stimme, Haltung des Vaters schon bei seiner ersten Ankunft die Verdächtigungen des Magisters doppelt leer und haltlos hatten erscheinen lassen, war durch seine neue Maske leicht verwirrt. Sie sah den Vater als Simson, der die Philister, als David, der den Goliath erschlägt. Sein neues Antlitz stimmte nicht recht dazu, und wenngleich nur flüchtig, so doch wieder und immer wieder drängte sich kitzelnd und beklemmend jenes Gesicht vor, da an dem reichen Haar Absalom im Geäst hängt, und seine Züge sind die Züge des Vaters.

Süß war sehr gekränkt; daß der Kabbalist ihm nicht die Achtung und Würdigung zeigte, auf die er jetzt doch offenbar Anspruch hatte. Einmal sagte ihm Rabbi Gabriel: „Du hast erkannt, daß du den Weg suchen mußt; das ist etwas. Aber du hast noch nicht den Weg.“

In der Stille des weißen Hauses mit den Blumenterrassen nahm Süß das Schicksal seines Vaters in die Hand, beschaute es, drehte es hin und her. In der langen Weile überkamen die alten Anfechtungen den rastlosen Mann. Wenn er nun zu seiner väterlichen Herkunft sich bekannte, wer durfte ihn darum tadeln? Er hatte zur Genüge gezeigt, daß er demütig sein konnte: hatte er nicht nach solcher Probe das Recht, aus der Demut aufzutauchen in den Glanz, der ihm rechtens zustand? Wenn er jetzt die Stricke zerschneidet, die ihn immer wieder hinunterreißen wollen zu den Verachteten, kaum daß er eine Sprosse aufwärts klomm? Wenn er den Schmutz und den Ekel und die Verachtung der Menge abstreift, die als an einem Juden an ihm kleben? Wenn er sein schönes Kind an der Hand nimmt, aus der Vermummung schlüpft wie der arabische Kalif und strahlend, daß ihnen das Grinsen stirbt, unter seine frechen Gegner tritt, nicht nur an Genie ihr Erster, nein, Christ auch und Edelmann von Geburt?

Hochmütig steilten die Tulpen in seine Träume, ein weißer, besonnter Würfel lag das Haus. Flüchtig schatteten hinter seinen Erwägungen die seltsamen Formen der magischen Figuren, die blockigen hebräischen Buchstaben, schematisch stand der himmlische Mensch, es blühte der kabbalistische Baum.

Sein Vater. In Braus gelebt, in Schmach verkommen, im Kloster gestorben. Je nun, ihn hatte das Glück verlassen, das Leben von sich gestoßen, er war ohne Erfolg. Was blieb ihm übrig als nach seiner Seele zu jagen? Wer keinen Erfolg hatte, der mußte sich wohl verkriechen und nach innen schauen. Bei ihm, Süß, lagen die Dinge anders. Er hatte Erfolg. Ihm schmiegte sich das Leben, schmeichelte ihm, duckte sich ihm, unterworfen, gezähmt.

Er sah auf. Der Oheim stand vor ihm. Ei, hatte er ihn ertappt? Der Schleicher, der Spionierer, der nach jedem Gedanken jagte, den er einem höhnisch hinhalten konnte. Ach, er wird nie mehr so unbeschwert leben können wie früher. Wenn er es täte, was doch nur natürlich und sein gutes Recht wäre, wenn er sich als Christ bekennte, immer würde er die Verachtung dieses lächerlichen, schlecht angezogenen Mannes eisig im Nacken spüren. Oh, leben können wie früher! Den Tag nehmen, wie er fällt! Wozu diese albernen, überflüssigen Grübeleien? Wenn er sie nur herausbrächte aus dem Blut, die giftig-süße, faulige Lockung, die aus dem Hause drang, von Jenseitigem und Demut und Verzichten.

Naemi kam. Und rasch flüchtete er sich in seine Maske von Stille und Getragenheit.

Während er so hin- und hergerissen wurde zwischen sich krampfender, prahlerischer Demut und zappelndem Tat- und Ehrhunger, langte unvermutet Nicklas Pfäffle an. Berichtete, eine herzogliche Kommission habe Bücher und Kassen des Süß beschlagnahmt, sie zu revidieren. Der Finanzdirektor sei verdächtigt, in amtlichen und privaten Affären formidabel defraudiert zu haben, peinliche Untersuchung sei angeordnet.

Die Feinde des Süß hatten seine Abwesenheit zu einem weiten Vorstoß genützt. Freunde, auf die er sich verlassen konnte, hatte er kaum mehr. Der Hofkanzler Scheffer, der Geheimrat Pfau waren offen zu der katholischen Militärpartei übergetreten und attackierten ihn in aller Oeffentlichkeit. Der Domänenpräsident Lamprechts zog seine Jungen als zu erwachsen aus dem Pagendienst bei ihm zurück. Remchingen, die beiden Röder, der General und der Major, die Obersten Laubsky und Tornacka, der Kammerdiener Neuffer lagen dem Herzog ständig mit Verdächtigungen des Juden in den Ohren. In der Umgebung Karl Alexanders nahmen nur Bilfinger und Harpprecht nicht an dem Treiben teil. Ihnen waren die jesuitischen Sendlinge noch mehr zuwider als der Jude.

Nun hatte Dom Bartelemi Pancorbo seit langem den Juwelenhandel des Süß genau überwacht. Er legte dem Herzog dar, der Jude mache alle Einkäufe auf dem Juwelenmarkt im Namen des Herzogs. Es seien aber hier die Preise sehr variabel; fielen sie, so erkläre, oft noch fast ein Jahr später, Süß die zu teuer gekauften Steine als Eigentum des Herzogs; stiegen sie, so halte er sie als sein Eigentum. So also, daß der Jude das ganze Risiko auf den Herzog abwälze, den Verlust den Fürsten tragen lasse, den Profit für sich einsacke. Allein zum großen Verdruß des Portugiesen machten diese Feststellungen auf Karl Alexander weiter gar keinen Eindruck; er meinte gleichmütig, dafür sei Süß eben ein Jud, im übrigen werde er künftig mehr auf der Hut sein. Weitere Konsequenzen zu ziehen war er durchaus nicht geneigt.