»Verheiratete Leute nennt man nicht mehr unschuldig,« sagte ärgerlich das Schaf.
»Du bist einfältig,« rief das Tanten-Schaf, »heirate, dann weißt du es!«
»Ich bin dumm und ich bin unschuldig, das ist viel auf einmal,« sagte kläglich das Lämmchen, »da will ich mich mit dem Heiraten beeilen so viel ich kann, denn unschuldig und einfältig ist niemand gern.«
»Aber Lämmchen,« riefen Bock, Mutter-Schaf und Schaf-Tante, »das sagt man doch nicht!«
»Warum denn nicht?«
»Weil, wenn du das sagst, die anderen Leute denken könnten, du seist nicht mehr unschuldig!«
»Ja aber,« sagte das Lämmlein, »ich will ja gerade heiraten, damit ich nicht mehr unschuldig sein muß.«
Da rannten die drei Alten in großen Sprüngen davon.
»Es muß arg sein mit meiner Unschuld,« dachte betrübt das Lämmchen, »daß die so davonrennen. Dort oben auf der Weide grast mein Vetter, das Böcklein. Der ist klug, der kann mir gewiß sagen, was die anderen nicht wissen.« Und das gute Lämmchen ging zum Böcklein. –
Am Abend sagte es zum alten Schaf: »Frau Mutter, ich weiß es jetzt. Unschuldig ist beides, angenehm und unangenehm. Eine Weile freut man sich, daß man es ist, und nach einer Weile freut man sich, daß man es nicht mehr ist. Selber weiß man es nie, wenn man unschuldig ist, aber man weiß es sicher, wenn man es nicht mehr ist. So lange man unschuldig ist, spricht man nie davon, und wenn man nicht mehr unschuldig ist, spricht man immer davon. Von der Unschuld der anderen, meine ich!«