Und plötzlich stand sie auf und fuhr mit der Hand durch die Figuren, daß sie alle umfielen.
»Es muß schon so sein! Die Jugend muß wohl immer erst heraus aus einem Menschen, — da hilft nichts!« murmelte sie ergrimmt, und sie fing an, an ihrem Stock auf und ab zu gehn. Das Sitzen hielt sie nicht mehr aus.
Tomasow schob das Brett zurück und rauchte schweigend. Gegen die Sonderbarkeiten der Alten war er nachsichtig. Und viel lieber, als zu spielen, hing er jetzt seinen Gedanken nach.
Da hörte er sie sagen, ganz in Zorn: »— Ist es nicht wie eine Löwengrube, — so ein Menschenleben —? Man muß doch immer wieder hinein, — immer wieder hinein —. Und was hat diese Frau nicht angesammelt in all den langen Jahren, — all die unausgegebene Fülle — —. Es ist sogar einerlei im Grunde: ob sie noch einmal neu anfängt mit dem Leben, oder ob sie einsam bleibt, — diese ganze Fülle, die ganze Inbrunst reißt sie ja doch notwendig in die tausend Lebenskämpfe, wie unter brüllende Tiere —«
Nach einer Weile fuhr sie grollend fort: — »Da ist nun Sophie, — nun viel ist sie noch gar nicht, — aber was bedeutet so ein Mensch mitunter nicht alles für seinen Mitmenschen! Daß sie bei ihr war, glich für Marianne alles aus, — sänftigte das ganze Leben —. Manchmal genügt so wenig, — so ein bißchen Menschennähe, um gar nicht zu merken, wie viel man noch in sich herumträgt, — wie vieles man noch unter Schmerzen entladen soll. — Erst wenn diese sänftigende Schutzdecke davon abgerissen wird, — plötzlich steht man da wieder hart am Rande, — ganz hart am Absturz — mitten in alle Untiefen von neuem hinein — unerbittlich hinein!« Wera Petrowna holte sich in ihrer Erregung die Haube vom Kopf herunter und lief fast auf und ab. »Gott meint es erst gut mit denen, die es hinter sich haben, — hinter sich. — — Arme Marinka!«
Tomasow saß zurückgelehnt, mit dem Rücken nach ihr. Er vernahm wohl ihre Worte, aber gleichzeitig umfingen ihn andre, weit weniger düstere Bilder —. Und auch sie scharten sich um dieselbe Erwägung, wie um ein Leitmotiv dazu: »— Marianne ist noch immer jung —«
Die Alte hinter ihm im Zimmer war still geworden. Auch ihr Stock berührte nicht mehr, im Takt aufschlagend, den Fußboden.
Tomasow empfand spontan, wie starkes Erleben und Erkennen hinter ihrer gewohnten Alltagsironie stehn, — wie tief sie selbst in die Löwengrube hinabgestiegen sein mochte, — und daß sie von dort herausgekommen war mit einem Herzen, das ganz wund war von zartem Mitleid und verstehender Furcht für andre —.
Er wandte sich zu ihr um. Sie saß im Stuhl am Fenster. Die Haube hielt sie noch wie einen wunderlichen dunkeln Knäuel in der Hand.
Und sonderbar hob sich dieser nackte Kopf von der hellen unfeinen Tapete des Zimmers ab, — wie durchaus nicht hergehörig in diese banale Stube, — wie nicht einem Mann und nicht einer Frau zugehörig, — vielmehr einem geheimnisvollen Wesen oder Unwesen, das nun dasitzt in den Wohnungen der Menschen, um dunkle Dinge zu weissagen —.