Plötzlich hielt sie jedoch inne. Sie ließ Marianne los und glitt von ihren Knieen hinunter.
»Da kommt Mama!« murmelte sie, »— vorhin fuhr ein Schlitten vor —. Die Wohlthätigkeitsvorstellung muß jetzt auch schon längst vorüber sein —.«
Man vernahm etwas hastige Schritte und das Rascheln eines seidenen Kleides. Die Thür wurde nur ein ganz klein wenig geöffnet, Ottilie schob den frisierten Kopf an die Spalte.
»Bist du noch da, Marianne? Hast du Zeit —? Nein, Inotschka, mein Kind, laß dich nicht stören, du brauchst nicht zu erschrecken, Mama hat nichts gesehen, — du sollst sehen, wie überrascht ich sein werde zu Weihnachten —.«
Marianne trat zu ihr heraus, in das Schlafzimmer der Schwester.
»Ich höre, du kommst aus der Oper, Otti?! Du und in die Oper, mitten am Tage? Du wirst ja noch ganz musikalisch auf deine alten Jahre,« bemerkte Marianne erstaunt.
»— Der ›Troubadour‹ — zu wohlthätigen Zwecken — und mit dem durchreisenden Star als Gast. — — Fräulein Clarissa überredete mich. Herrgott, es passiert ja auch selten genug!« entgegnete Ottilie, noch in voller Theatererregung, und begann sich in aller Hast umzukleiden.
In einer Ecke am Tisch fütterte die Wärterin den Jüngsten, dem sie in russischem Kinderkauderwelsch zusprach, in der Nebenstube sah man die beiden ältern kleinen Brüder sitzen und artig Flittergold auf Nüsse kleben, als Schmuck für den Weihnachtsbaum.
Ottilie warf ihre geschnürte Seidentaille ab und ergriff Marianne am Arm.
»— Ich sage dir: schön ist so was! Siehst du: in dem Augenblick, da lebt man! Wenn sie so füreinander sterben — —« Ottiliens Augen strahlten.