Da ließ Marianne die Hände von ihrem Gesicht sinken und erhob sich ganz langsam. Hugo Lanz machte eine Bewegung zu ihr hin, aber die Andacht in ihren Augen und in ihrer ganzen Haltung bannte ihn. Es war wie eine unsichtbare Einsamkeit und Hoheit um sie, die er nicht zu entweihen wagte. Und unwillkürlich trat er zur Seite.

Einen Augenblick lang stand Marianne da, sich besinnend, fast schüchtern, mit einer sanften Neigung des Kopfes, die etwas Rührendes für ihn hatte, etwas von unaussprechlicher Ergebung. Aber auf ihren Zügen lag ein ruhiger Glanz, alle Angst war von ihnen gewichen.

Sie machte eine Wendung, um aus dem Portal hinauszutreten, ohne ihren Begleiter zu bemerken. In diesen Minuten hatte sie auch ihn vergessen. Er schaute ihr nach, und unwiderleglich kam ihm das Gefühl: — als ginge sie gar nicht allein — —.

Ein paar Schritte hinter ihr trat er hinaus auf den Platz.

Unten in der Stadt, die dem Kreml zu Füßen lag, blinkten eben die ersten Lichter auf. Schon war es nicht mehr ganz hell. Weißlicher Winternebel zog sich in der Ferne über die Ufer des Flusses. Fest um den Kreml geschmiegt, standen die Häuser da, rot und blau und grün an Dächern oder Mauerwerk, und erwarteten nach des Tages Treiben das Dunkel, durch das das siegende Gold der zahllosen Kuppeln hindurchschien wie eine ewige Leuchte, die nicht mit dem Tage erlischt.

Ein unerhörtes Abendrot stand über Moskau. Und die Buntheit der Farben ringsum nahm auch noch den schwächsten Abglanz davon, nahm auch den leisesten Funken so innig auf, hielt sich ihm an der Oberfläche aller Dinge als ein so williges Gefäß entgegen, daß es fast wirkte wie ein Lobgesang, der emporstieg von der Erde zum erglühenden Himmel. Eine Stimmung wie ein Ausgleich zwischen Freude und Gebet lag über dem Ganzen. Die paar Wolken, die inmitten der Bläue des Himmels zögernd dunkelten, zogen sich, lichtdurchschossen, langsam zu breitschimmernden Goldbändern auseinander — —.

Da ging ein flüchtiger Regenschauer nieder, warm und ganz kurz, wie ein Thränensturz.

Hugo Lanz blieb stehn und schaute hinab, dorthin wo Mas feine ruhige Gestalt im Abstieg zu den Anlagen sichtbar blieb.

Wie klein und unscheinbar verschwand sie dort zwischen den Bäumen. Und ihm schien doch alles ringsum sie allein zu feiern und zu umstrahlen —.

Denn in ihm arbeitete sich irgend ein Bild mit mächtiger Gewalt zu künstlerischer Klarheit hindurch, — ein Bild, in dem er Ma vor sich sah, — ein Bild, in dem ihr Glück lebte und ihr Vereinsamen, und ihr Weh, und ihr Sieg, — ein Bild, in dem geheimnisvoll lebte, was in diesem Augenblick in ihr selbst wohl nur in dunkeln Ahnungen rang — —.