Marianne nahm nichts mehr deutlich wahr, die Dinge ringsum schienen ihr langsam zu entschwinden, sich in sich selbst aufzutrinken, unterzugehn in einem chaotischen Nebel. Einförmig nur und erschütternd laut hallten fort und fort die Glocken über ihr, — hallten um sie, — hallten in ihr, — begruben sie wie unter einem Mantel von dröhnenden, besinnungraubenden Tonwellen, — ließen alles an ihr erbeben unter der Gewalt des einen unerbittlichen Klanges, — drangen auf ihre zitternde Schwäche ein, wie mit läutenden Unendlichkeiten — —

Marianne war, einer Ohnmacht nahe, stehn geblieben und rang nach Atem.

Sie standen wieder dicht vor der Verkündigungskirche, an den Stufen, über denen sich die Eingangspforte erhebt. Hugo Lanz hatte einen Arm um Marianne gelegt und führte sie, sie vorsichtig stützend, hinauf bis in den Seitengang, wo längs den Fensterchen von gewelltem Glas eine Bank stand.

Dort ließ er Marianne niedersitzen und neigte sich, neben ihr stehn bleibend, mit besorgter Frage zu ihr.

Aber sie achtete nicht auf das, was er flüsternd fragte. Dicht vor ihr öffnete sich das blausilberne Portal in den innern Kirchenraum, auf der Seite, wo sie eben hereingetreten waren, blickte von der Thür ein großes dunkles Christusbild zu ihr nieder, die Züge kaum kenntlich, ein schwarzer Fleck, umhüllt und umkleidet von unendlichem Goldglanz. Sie starrte darauf hin, bis sie vor Thränen nichts mehr sah. Rätsel hinter Gold —.

Aber leise und wohlthuend legte sich die Dämmerung dieser Kirchenwände wie schützend um sie. Kaum glichen sie Wänden, bedeckt mit alten nachgedunkelten Malereien wie reiche alte Stoffe, sich niedrig wölbend und wellend, wie ein ungeheurer Mantel, der sich in schweren weichen Falten um den Betenden legt, ihn sanft bergend vor der Außenwelt —.

Sie hob beide Hände vor das Gesicht und beugte sich tief vor, ohne ein Wort zu sprechen. Schweigend verharrte sie lange so.

Hier und da kamen von draußen Menschen vorüber, meistens Leute aus dem Volk; leise auftretend mit ihrem groben Schuhwerk, schritten sie tiefer hinein in das Schiff der Kirche, das in feierlicher Dämmerung vor ihnen dalag, nur an wenigen Punkten schwach erhellt von vereinzelten Wachskerzen, die daraus hervorblinkten.

Hugo Lanz stand neben Marianne, an ihre Bank gelehnt, und blickte auf sie nieder. Er wußte nicht, was in ihr vorgehn mochte, aber daß in dieser Stille etwas Erschütterndes in ihrer Seele zum Austrag kam, das mußte er wohl fühlen — —. Und wenn er einst zu ihr gekommen war im drängenden Verlangen, an ihrer warmen Mütterlichkeit getrost und froh zu werden wie ein Kind, so wuchs jetzt eine Sehnsucht in ihm empor, — groß, wie er sie nie gekannt hatte, — stark zu werden und kraftvoll, ein Mann, um beschützen und behüten zu dürfen —.

Er stand da und horchte stumm auf das Geläute der Glocken, — auf den seltsam packenden Klang dieser russischen Glocken, die sich weigern, sich mit ihren Klängen mitzuwiegen, und ehern feststehn, daß der Klöppel in ihnen anschlägt wie ein weithin tönender Befehl — —.