Und auch unter den Fußgängern begegneten ihr vorherrschend ihre ureigensten Kinder, Kinder des Volks. Nicht das Proletariat großer Städte, wie es gern die entlegeneren Gassen füllt, sondern Volk, — das Volk zu Hause auf seinen breiten Straßen und Plätzen. In der ihm zugehörigen Tracht schritt es einher, nicht in abgelegten Almosenkleidern Reicherer oder deren Nachahmung, und diese Tracht überwog so sehr, daß sich die Andersgekleideten, die Allerweltstypen, fast darunter verloren.

Das alte Moskau, — zumal in der winterlichen Frühdämmerung einer solchen Nachmittagsstunde, — nahm sich beinahe aus, als sei es im Grunde seines Herzens ein Riesendorf, zutraulich herumgebaut um die allwaltende Herrlichkeit und Heiligkeit der Kremlhöhe.

Rot und grün und blau an Dächern oder Mauerwerk, in Farben, wie sie Kinder am liebsten auf ihren Bilderbogen anbringen, schauten die Häuser zum großen Kreml empor. Und in Rot und Grün und Blau antwortete er ihnen von der Höhe seiner Kuppeln und Paläste, väterlich ihnen angepaßt, mit ihnen verschmelzend, und malte noch bunte Sternchen oder Streifen mitten hinein in sein Gold.

Mit dem Golde aber übertrumpfte er sie, überstrahlte er sie, mit dem Golde übertönte er alles wie mit einem lauten Lobgesang, sodaß sie gleich darauf doch wieder ganz klein unter ihm dalagen und ganz verstummt trotz ihrer beredten Farben. Und ein andres Gold war es zu jeglicher Stunde, zu jeder jedoch ein königliches, vom ersten Tagesgrauen an, das über Moskau aufging, bis tief in die tiefste Nacht, denn keine gab es, tief genug, um das Gold ganz auszulöschen.

Immer war es da, ob breit entfaltet in seinem selbstverständlichen Glanze oder geheinmisvoll gesammelt wie eine Leuchte von innen her, die sich nur verstohlen verrät. Immer war es da, allen gegenwärtig, von den äußersten Kreuzspitzen der Kathedralen an bis hinein in das verborgenste Dunkel der Kirchenräume und selbst bis hinab in den geschlossnen Wagen, worin die Iberierin durch die Straßen fuhr, feierlich umblitzt von Goldfunken und dem vielfarbigen Schimmer ihres köstlichen Geschmeides. —

Sie machte nur eine kurze Fahrt, schon in einer Seitenstraße der Twerskaja schien ihr Ziel erreicht. Unter einem erneuten Auflauf von Menschen, die leise beteten, sich bekreuzigten und einen Kuß anzubringen suchten, wurde sie hinausgehoben, um den inbrünstig Harrenden entgegengetragen zu werden, denen ihr Besuch galt, und deren Thränen sie trocknen, deren Qual sie bannen, oder deren Jubel über eine Glücksfügung sie Weihe und Segen erteilen sollte.

Am Fenster eines hölzernen Miethauses schräg gegenüber standen zwei junge Mädchen und sahen, aneinander gelehnt, der Scene auf der Straße zu.

»Ach Rußland — Rußland! Mir ist doch wieder, als ob ich nach Asien zurückgekehrt wäre,« sagte die Aeltere kopfschüttelnd, »traurig ist es! Ich wundre mich, daß du nur dazu lachst, Sophie.«

Sophie kehrte sich vom Fenster ab, weil es nichts mehr zu sehen gab. Sie entgegnete mit einem sanften, begütigenden Stimmchen: »Es ist nicht so schlimm. Vielleicht noch ein bißchen Mittelalter, aber es kann auch etwas ganz Feierliches bekommen, mitunter. Dann lache ich auch nicht. — Man muß nur nicht grade als Studentin frisch aus dem Auslande angereist sein!«

»Wir haben keinerlei Grund, uns für dies Mittelalter zu begeistern, Sophie. Sind wir etwa Russen? Und selbst wenn wirs wären —«