Ein Teil des Zimmers wurde durch zwei mitten hineingebaute mannshohe Scheinwände isoliert, hier befand sich der Schlafraum. Die zurückgeschobene Portière ließ das Ehebett unter einem Baldachin von geblümtem Stoff sehen, sowie die Ecke mit den Heiligenbildern. Ein paar davon besaßen schwere Silberverkleidung; unter ihnen hingen gestickte Handtücher und lagen auf einem Wandbort geweihte Brötchen.
Im Wohnraum am Fenster stand breit und bequem ein Tisch, worauf sich in friedlichem Nebeneinander Schreibereien und Hausarbeiten, nicht grade zierlich geordnet, befanden. Auf einem Seitentisch zeigte der nie fehlende blitzende Samowar, daß hier auch gespeist wurde.
Marianne hatte es sich wunderschön behaglich gemacht in einem Großvaterstuhl, der dicht bei einem wärmeausstrahlenden Kachelofen von anerkennenswerten Dimensionen stand. Neben dem Ofen hing am Bande eine altertümliche kleinrussische Guitarre, eine Gusli. Fröstelnd vergrub Marianne ihre durchkälteten Füße im Bärenfell, das sich vor dem Stuhl ausbreitete.
»Das ist unser Diwan, dort sitzen wir immer beide drin,« sagte die junge Frau.
»Ist es jetzt nicht sehr schlimm für euch mit dem kranken Mädchen, Tamara?« fragte Marianne bedauernd. »Da werdet ihr kündigen müssen. Wie treibt ihr es nur überhaupt —? Du alle Morgen in deinem statistischen Bureau, dein Mann über seiner ornithologischen Gelehrsamkeit? Was fangt ihr denn jetzt an?«
Tamara lachte leise auf, ihr ganzes freundliches Gesicht lachte mit.
»Wir treibens, wie es eben geht; — es wird ja auch wieder besser. Alles wechselt unter dem Mond. Kündigen wollen wir nicht; darauf vertraut die Arme so fest.«
»Russische Sorglosigkeit!« dachte Marianne bei sich. Aber sie mochte nichts Tadelndes äußern, sie wiegte sich darin wie in etwas Wohlthuendem.
Vielleicht wäre es anderswo tadelnswerter gewesen, doch ihr schien immer: wo man unter russischen Menschen war, wo diese Sprache klang, da wurde das Leben in der That in allen Dingen gleichsam simpler und weiter, — vertrauender. Obschon sie selber kein russischer Mensch war, so zählte sie doch nicht zufällig unter diesen ihre besten Freunde.
»Aber überanstrengt es dich auch nicht, Tamara?« meinte sie besorgt. »Noch kann es ja eine ganze Weile dauern, ehe dein Mann die verdiente Berufung bekommt, und ehe du also dem statistischen Bureau ein Schnippchen schlagen kannst.«