Tamara schüttelte belustigt den Kopf, von dem zwei starke Zöpfe unaufgesteckt niederhingen.
»Bis dahin hilft mir eben mein Mann. Wenn ich nicht mal das von Ihnen gelernt hätte, Marianne Martinowna: gute Laune am Alltag bewahren, — die schönste Lektion, die Sie unbewußt allen Ihren Schülern mitgeben, — gratis neben all dem Schulkram.« Tamara fuhr ungeniert mit dem Messerputzen fort, worin sie der Besuch unterbrochen hatte. »Und im Sommer,« bemerkte sie mit aufleuchtendem Blick, »da erholen wir uns schon! Da schlepp ich den Taraß zu den Eltern aufs Gut, oben hinauf nach Wologda, in meine lieben großen Wälder. Da erholen wir uns schon! Ach, warum sind wir da nicht zwei Einsiedler! Sie können mir glauben: ich bin doch gewiß glücklich, aber Heimweh nach den Wäldern und dem Norden hab ich doch. — — Aber nun erzählen Sie doch mal von sich? Also die Cita ist heimgekommen?«
Marianne nickte.
»Mit Beginn der deutschen Weihnachtsferien und bleibt bis über die russischen da. Aber ich habe noch so wenig von ihr, — es war eine so gehetzte Arbeitszeit. Drum wird Weihnachten diesmal so strahlend schön! Mir kommt vor, als ob ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr so darauf gefreut hätte, wie dieses Mal. — — Immer möcht ich die Cita jetzt nahe um mich haben, — so ganz nah bei mir, — — sie so recht tief anschauen: »»Bist du noch dieselbe? Ist auch nichts an dir verändert? Hat mir die Trennung nichts gestohlen? Zeig mir all dein Schönes: — das und das und das, — weißt du noch?«« Ach, Tamara, du hast noch kein Kind, — kannst du das wohl begreifen?«
Tamara nickte schweigend.
In der Küche hörte man es bedrohlich brodeln und zischen. Sie setzte die Messerbank nieder, lief hinaus, klapperte ein Weilchen draußen zwischen den Tiegeln und Töpfen und kehrte dann in die Stube zurück.
»Ja,« sagte sie, »nun ist also Cita auf dem Wege, etwas Erkleckliches zu werden. Aber, Hand aufs Herz, liebe Marianne Martinowna: wären Sie nicht doch seelenfroh, wenn — ja wenn sich die Cita ordentlich verliebte und heiratete?«
Marianne blieb einen Augenblick lang stumm. Dann sagte sie fast andächtig: »Wenn über meine Kinder mein Glück käme, — ein so unfaßbares Frauenglück, das reicher und weiser macht, als alle Reichtümer und Weisheiten der ganzen Welt zusammengenommen, — wenn ihnen das geschenkt würde! — — Und wären es auch nur acht kurze Jahre, wie bei mir, gleichviel. Und käme auch selbst dahinter — wie bei mir —«
Sie konnte nicht weitersprechen.
Tamara sammelte schweigend ihre Messer zusammen. Nach einer Pause bemerkte sie dabei: »Kenne ja auch die Freude am Lernen. Aber mein heimlichster Traum war doch immer nur der aus dem Märchen von Puschkin, dem Zar Saltan: möchte Gott mir geben, einen Helden, einen Bogatyr, zu gebären! Ja ja, dafür kann man nichts thun. Sonst wär es ja auch nur wieder armseliges Menschenwerk. So ist es: Studium ist Verdienst, aber Liebe ist Gnade. — Aber ganz jammerschade scheint es mir, daß Sie nicht mit Ihren beiden Kindern zusammenleben können wegen des Studiums, — gradezu eine Missethat scheint es mir manchmal.«