Marianne gab leise nach und legte den Kopf zurück an die magern zärtlichen Mädchenarme, von denen sie wußte, wie viel lieber sie sie herzhaft umhalsen würden.
Immer hatte sie an sich gehalten, wenn sie spürte, daß ihr Inotschkas Vertrauen entgegenflog, denn sie durfte sie nicht der Mutter wissentlich entfremden.
Dadurch wurde der Wortaustausch zwischen ihnen wunderlich einsilbig und karg. Doch beredter als Worte schlich sich eine feine leise Zärtlichkeit ergänzend in ihren Verkehr, kaum wahrnehmbar andern, kaum merklich ihnen selbst —.
Marianne dachte: »— Wenn Inotschka erst älter und reifer ist, dann wird sie mir auch mehr zugehören dürfen. Ueber diese paar Jahre muß sie hinweg, wie so viele —.«
Und sie dachte dankbar daran, daß in diesem Alter nicht viele so ganz eins im Sinn und Sein mit der eignen Mutter sind, wie es Cita und Sophie mit ihr gewesen waren.
Darüber fiel ihr der heutige Nachmittag wieder ein —.
Aber sie wollte nicht wieder zaghaft werden: diese Zeit der innigsten Zueinandergehörigkeit konnte nicht vorbei sein. Wußte doch sie am allerbesten, wie viel, wie unendlich viel sie ihren Kindern noch gar nicht gegeben, noch gar nicht mit ihnen geteilt hatte, weil sie auch jetzt noch zu jung und unerfahren waren, um alles zu empfangen. Voll Freude und Ungeduld ersehnte sie die Zukunft, wo ihnen einmal alles, ihr ganzer tiefster Lebensgewinn, zu eigen werden durfte. Wo sie einander ganz verstanden und durchdrangen, wie drei Freunde, — um miteinander eine unzertrennliche seelische Einheit zu bilden. Dann erst würden alle ihre Schmerzen und Erfahrungen, alle ihre Kämpfe und Siege kostbare Ernte tragen, — eine Ernte auf den Feldern ihrer Kinder —.
Marianne bekam Heimweh nach ihren beiden Mädchen, es trieb sie aus dem heißen Zimmer nach Haus.
Als sie endlich mit gutem Anstand fortgehn konnte, war es über dem Singen elf Uhr geworden.
Die Begleitung des Schwagers schlug Marianne aus. Sie schlich sich nur noch für einen Augenblick in die große Schlafstube, um das jüngste Bübchen in seinem Gitterbett schlummern zu sehen, was sie nie zu thun unterließ.