»Deutsch schreiben lernen könnten sie doch jedenfalls daran, und das ist ja wohl der Zweck,« bemerkte der Kollege steif, denn die letzte Bemerkung hatte ihm höchlich mißfallen, »Ihr Vorgänger hat gewiß an kein Glück gedacht, zu dem man die Schule verlassen haben muß. — Aber hier trennen sich wohl unsre Wege. Ich meine: wörtlich.«
»Also auf Wiedersehen!«
»Wünsche beste ›Anregung‹.«
Erik stieg hinauf und ging durch den hohen Hallengang, an welchem die Klassenzimmer lagen. Er öffnete eines derselben und blickte auf seine Uhr. Noch war die Frühstückspause nicht vorüber. Die meisten Mädchen hatte der Maisonnenschein in den großen Schulhof gelockt; man konnte sie durch das offene Fenster unten paarweise herumgehen und spielen sehen. Dicht unter dem Fenster, an das er sich setzte, stand der Brunnen mit einer Holzbank; dort machte es sich eine Gruppe halberwachsener Mädchen bequem, — das Kichern und Schwatzen drang deutlich bis zu Erik herauf.
In den umliegenden Klassen und auf dem Gang war es ganz still; selten nur klappte eine Thür oder wurde ein Ruf laut. Aus den zur Hälfte niedergelassenen Fensterrouleaux brütete die Sonne und einzelne Brummfliegen surrten um ein paar Brotkrumen aus den staubigen Pulten.
Erik hatte die blauen Hefte hervorgezogen und blätterte darin, wobei er jedoch von Zeit zu Zeit einen Seufzer ausstieß. Im Grunde waren dies wirklich recht langweilige Schulhefte. Solch ein Backfisch ist interessant, ohne Zweifel, er ist als Mensch, als Weib, als Backfisch interessant, und eine Welt für sich; aber von alledem kommt in den Schulaufsatz nichts hinein. Kein Wunder! Ist es nicht schließlich ebenso mit allen geschriebenen Büchern der Welt? Ist nicht der kleinste Ausschnitt des wirklichen Lebens tausendmal reicher, aufschlußgebender?
Er stand auf und warf einen Blick auf die lachende, schwatzende Mädchengruppe am Brunnen. Diejenigen, welche er von seinem Standort sehen konnte, gehörten sicher seiner neuen Klasse an, hatten also die langweiligen Aufsätze auf dem Gewissen. Er verzieh sie ihnen, während er sie so anblickte, — diese frischen Geschöpfe, die noch das Vorrecht besaßen, ohne Schönheit schön zu sein. Es waren ganz bestimmte Typen unter ihnen leicht zu unterscheiden, obgleich sie verschiedenen Nationalitäten angehörten. Drei Sprachen schwirrten durcheinander. Er unterschied am deutlichsten den mehr hausfraulichen und den mehr weltlichen Typus. Beide besaßen etwas Anziehendes, — sowohl dieser schelmische Blick, der so weiblich ahnungsvoll unter den sorgfältig gekrausten Stirnlöckchen hervorlugte, als auch der sanfte, sittsam stille Augenaufschlag unter dem Madonnenscheitel. Das eigentlich kindliche Genre war unter diesen Backfischen fast gar nicht mehr vertreten. Und vielleicht deshalb auch so wenig Urtypisches im ganzen, wenig Individuelles, — man konnte sie schon klassifizieren, sie waren schon fest geprägt durch ihre Umgebung, in der sie erzogen wurden, in der es aber keine geborenen Erzieher und Menschenfischer nach Eriks Ideal gab, sondern nur gewöhnliche Amts- und Standespersonen.
Unwillkürlich suchte seine Hand zwischen den Heften, als wünsche er sich selbst Lügen zu strafen. Ja, hier stand die »Merkwürdigkeit« unter den Aufsätzen, — etwas höchst Individuelles jedenfalls.
Anstatt des vorgeschriebenen Titels »Ueber das Glück« trug er die Ueberschrift »Seligkeit!« — und wie ein Sehnen und Jauchzen klang dem Lesenden etwas von dieser Ueberschrift aus jeder Zeile entgegen. Er war nicht in vernünftiger, oder doch wenigstens korrigierbarer Prosa geschrieben, sondern in Versen, — in gänzlich unkorrigierbaren und wilden Versen, in denen die Sprache Reißaus genommen hatte. Trotzdem wirkten diese Verse, so fehlerhaft sie hingeschrieben waren. Oder vielmehr: hingeträumt. Denn im Grunde glich dieses einem unklaren Traum, einem bloßen Gedankenstammeln, einem Sichauflehnen gegen Wort und Logik, aber es steckte eine mit sich fortreißende Gefühlsmacht darin. Man wurde im höchsten Grade ungeduldig bei der Lektüre, aber man wurde auch vom ungeduldig drängenden Wunsche überfallen, dem, der hier träumte und stammelte, mit Gewalt die Zunge zu lösen, daß er Aufschluß gäbe über seine Seele. Solche Verse mochte die heilige Therese als Kind gedichtet haben, ehe sie ihre Visionen aus Gott bezog, dachte Erik. Welche von denen im Hof mochte das sein?
Einzelne Worte tönten laut und erregt zu ihm herauf und rissen ihn aus dem Lesen auf. Er hörte eine von den Mädchenstimmen mit größter Energie sagen: »Er muß unglücklich sein. Ich will es so. So unglücklich wie nur möglich. Sonst thue ich es nicht.«