IV.

Kurz und glühend, wie immer, war der russische Hochsommer vorübergeflogen, und früh, mitten im August, nistete sich leise der Herbst im Garten ein und verlöschte mit seinen langen dunkeln Abenden die Sonne. Der Rasen sah fahl und versengt aus, und längs den Kieswegen sammelten sich die ersten dürren Blätter.

Gerade da, wo Klare-Bel in ihrem Stuhl am Rande des kleinen Gehölzes lag, konnte sie an den Birkenzweigen über sich in einen breiten goldgelben Fleck hineinschauen, der täglich ein wenig zunahm. Und von Zeit zu Zeit sank eines der entfärbten Blätter, drehte sich in der Luft ein paarmal herum und flatterte zu ihr nieder.

Gleich daneben stand ein Tisch, roh aus ungeschälten Baumästen gezimmert, und zwei Bänke mit Rückenlehnen aus einem groben Flechtwerk von Weidenzweigen. Da saßen Erik und Ruth schon den halben Tag und arbeiteten.

Klare-Bel konnte nicht begreifen, wie sie das nur so ununterbrochen aushielten; manchmal schienen es ihr allerdings nur Unterhaltungen und Gespräche zu sein, die sie führten, aber sie wußte, wie ernst sie es damit nahmen, und daß Erik mitunter die Nacht aufblieb, um seinen Unterricht vorzubereiten.

Gern lag sie so und lauschte darauf; nicht auf die Worte, aber auf die Stimmen. Denn darüber täuschte sie sich nicht: nur in solchen Stunden noch klang Eriks Stimme gerade so froh wie früher. Und da war es wirklich gut, daß er sein Zimmer jetzt förmlich mied und mit Ruth immer in ihrer Nähe saß, wo sie ihn hören konnte.

Oft dachte sie dabei mit heimlichen Sorgen und Zweifeln an den ersten Tag im Juni zurück, den Erik mit Bernhard Römer und dessen Frau in der Stadt verbracht hatte. Seit dem darauffolgenden Morgen blieb er verändert. Und mit diesem Tage mußte es zusammenhängen. Aber den wahren Grund suchte sie in der fernsten Vergangenheit: namentlich seitdem sie den gemeinsamen Jugendfreund selbst wiedergesehen.

Denn seitdem begriff sie ganz gut, daß Erik vielleicht noch im stillen den alten Erinnerungen nachgehen mochte. Kehrten doch sogar ihre eigenen Gedanken häufiger als je dorthin zurück, wohin es keine Rückkehr gibt.

Die Jugend ersteht nicht wieder auf.

Wenn es doch eine Freude gäbe, — dachte sie ganz heimlich bei sich, — eine große, gewaltige Freude, die sie einmal über Eriks Leben bringen könnte, so daß er alles darüber vergäße! Aber sie besaß nichts, — sie hatte immer nur so dagelegen, mit leeren Händen, und Opfer gekostet.