Ruth zog Schultern und Augbrauen hoch und schüttelte entrüstet den Kopf.
»Es ist nicht zu glauben. Wie kann man nur so kopflos sein, — nicht wahr? Geradezu verdummt muß man schon dazu sein!« setzte sie mit unverhohlener Selbstverachtung seine Vorwürfe fort.
Erik war verblüfft und mußte über sie lachen.
Aber es berührte ihn wunderlich. Noch vor ein paar Monaten hätte etwas derartiges sie scheu gemacht, — sie verscheucht. Jetzt weinte sie nicht mehr darüber, daß er sie ein dummes Kind nannte. Sie lachte. Lachte sich aus. — Ihre Augen sahen ihn so spottend an. Wen verspottete sie eigentlich? Sich selbst, — daran war kein Zweifel. Sich selbst nahm sie als einen fremden Gegenstand, den sie nur noch von Erik aus beurteilte; sie empfand, dachte und handelte nur noch wie aus seinem Wesen heraus.
Was war diese Selbstentrückung, dieses Uebermaß von Selbstvergessen im Grunde? war das Liebe? war es das, worauf er, halbbewußt und wider seinen Willen, — wartete?
Klare-Bel hatte mitgelacht.
»Es wird dir noch sonderbar vorkommen,« sagte sie, »wenn du mit dem Herbst so viele Lerngenossen bei Erik bekommst. Wenn du mit ihnen alles teilen mußt. Wirst du nicht eifersüchtig sein, wenn nun eines von den Mädchen mehr kann als du?«
»Warum nicht?« fragte Ruth, und der Schalk ging durch ihre Augen, »dann wollen wir die eine lieber haben als mich. Wir haben Raum für viele da. Je mehr es sind, desto besser.«
Erik blickte auf. Am Ende würde sie wirklich eine dritte im Bunde mit Begeisterung empfangen? Aber wenn sie so spitzbübisch aussah, konnte niemand wissen, was sie bei sich dachte.
Er erhob sich und schob den Stuhl seiner Frau dem Hause zu, um sie vor Sonnenuntergang hereinzutragen. Jonas kam ihnen entgegen; den ganzen Nachmittag hatte er sich draußen auf den gemähten Wiesen herumgetrieben, aber immer paßte er den Augenblick richtig ab, wo er Ruth in Beschlag nehmen konnte.