Sie richtete sich in seinem Arm hoch. Ein lauschender Ausdruck kam in ihr Gesicht.
»Wer? ich? Warum sagen Sie das?« fragte sie mit veränderter Stimme und machte sich langsam frei. »Was ist das? Warum sagen Sie mir das alles? Ich bin kein armes Kind. Ich bin ja Ihr Kind!«
Und als er nicht gleich antwortete, faßte sie ihn plötzlich an beiden Armen und schüttelte dieselben mit leidenschaftlicher Kraft. »Bin ich es denn nicht?« fragte sie wild. »Worum soll ich nicht mehr thun, was Sie wollen? Bin ich denn nicht Ihr Kind? Nicht mehr?! Dann wäre es besser, tot zu sein.«
»Ruth!« rief er erschüttert.
Sie suchte sich zu fassen. Ihre Hände sanken von seinen Armen und schlangen sich ineinander. Dann hob sie den Kopf.
»Ich will alles thun, — alles! Recht oder Unrecht, Gutes und Böses, — alles! Ich will gehorsam sein bis in den Tod. Stellen Sie mich auf die Probe. Aber gehorchen muß ich Ihnen dürfen, — Ihr Kind sein dürfen, — zu Ihnen sagen dürfen: ich will thun, was Sie wollen. Immer! Immer! Das muß ich — muß ich dürfen. — — Darf ich?«
Unwillkürlich hob sie ein wenig die gefalteten Hände. Eine Gebärde unsäglicher Demut. Aber ihr Gesicht sah dabei fast finster aus, und ihre Stimme klang wie Metall. Und nun ein ganz weicher, kindlicher Ton: »— Darf ich?«
Erik wurde zu Mute, als schaue er plötzlich, erst in diesen vorüberblitzenden Sekunden, mit weitem Blick hinein in die verhüllte Tiefe, aus der allein Ruths Liebe geboren werden konnte. Zum erstenmal hinein in das Geheimnis ihres Wesens, — hinein in die stumme Einsamkeit und Sehnsucht vieler, vieler Jahre, aus der mit rückhaltloser Gewalt die langgehemmte, lang aufgestaute Inbrunst hervorgebrochen war, als er in ihr Leben trat. Ihn lieben dürfen, das hieß: endlich — endlich Kind sein dürfen, gehorchen, sich hingeben, sich weggeben, auf den Knieen noch. Es hieß sammeln und ausstürzen dürfen die ganze leidenschaftliche Zärtlichkeit des Kindes, das noch keine Kindheit gehabt. Und das doch gerade dessen — nur dessen bedurfte.
Ruths Augen blitzten ihn durch die Dämmerung an.
»Bin ich noch immer arm, — ein armes Kind?« schienen sie ihn unverwandt zu fragen.