Aber die, welche deklamiert hatte, lachte nur. Sie lachte so von innen heraus, so frisch und mit so überzeugenden Trillern in der Kehle, daß Erik oben an seinem Fenster beinahe angefangen hätte, mitzulachen, und sich plötzlich mit ihr wie im Bunde fühlte. Auch von den Mädchen begannen einige zu kichern. Aber die meisten verstimmte es.
»Du hast gar keinen Lebensernst!« sagte die Erste der Klasse strafend, eine andre aber behauptete sogar: »Sie hat kein Herz. Sie verlacht ihre eigene Sache, und uns mit.«
Nur das blonde niedliche Mädchen schien sich zärtlich an die Lachende zu schmiegen und erinnerte sie: »Du hast doch versprochen, uns den ›Unglücklichen‹ endlich zu zeigen. Willst du es heute auf dem Heimweg thun?«
»Ja, das will ich. Denn ich will ihn euch überlassen. Macht ihn so glücklich, als ihr wollt.«
»Also denkst du an einen andern?«
Die Glocke, die zum Klassenbeginn läutete, unterbrach das Geplauder in diesem kritischen Augenblick. Arm in Arm schlenderten sie gemächlich ins Schulgebäude hinein. Die schmalen Füße aber lagen noch ausgestreckt in der Sonne.
»Jetzt muß ich sie sehen können,« dachte Erik und beugte sich mit ernstem Gesicht vor. Das Gespräch der Mädchen hatte ihn ganz betroffen gemacht.
Und er sah sie.
Gegen die grau getünchte Hausmauer nachlässig zurückgelehnt, die Arme hoch über dem Kopf verschränkt, saß sie auf einem umgestülpten Regenfaß, das, in diesem beliebten Brunnenwinkel, gelegentlich als Sitzbank benutzt wurde. Sie trug das entschieden aschblonde, glanzlose Haar offen, so daß es, weich und lockig, in einiger Verwirrung, ihr über Brust und Schultern fiel. Das tiefrote Bändchen, welches es wohl am Hinterkopf zusammenhalten sollte, war hinabgeglitten und bewegte sich leise im Luftzug. Es war der einzige bunte Punkt und Schmuck am Bilde. Denn die ganze schmächtige Gestalt steckte in einem losen, graublauen Gewande, das keinerlei Aehnlichkeit mit den hübsch gearbeiteten Kleidern, Miedern, Schleifen und Schürzen der andern aufwies. Ueber den schmalen Hüften durch einen einfachen Ledergürtel kittelartig geschlossen, ließ es zwischen den weichen Falten kaum den zarten Ansatz der Brust erkennen und verlieh dem Mädchen etwas sonderbar Knabenhaftes. Aber darüber erhob sich ein unregelmäßiges Gesichtchen, das geradezu ansteckend in seinem ausgelassenen Uebermut wirkte. Wie sie so dasaß, den Oberkörper zurückgezogen, die ziemlich dunkeln Augen leuchtend erhoben, die Lippen, wie in beginnendem Gelächter oder wie in verlangendem Durst, halb geöffnet, so daß unter der zu kurzen und stark geschweiften Oberlippe die weißen Zähne hervorschauten, — da machte sie den Eindruck, als bäume sie sich auf in überschäumender Lebenslust, bereit, jeden Augenblick jauchzend über alle Stränge zu schlagen, — fast unwillkürlich dachte man sich einen Thyrsusstab in die hinaufgestreckten verschlungenen Hände, — und der Bacchusknabe war fertig.
Als sie sich rasch und unvermittelt aufrichtete und ins Haus sprang, erhob sich Erik aus seiner vorgebeugten Stellung am Fenster und raffte hastig seine Hefte zusammen. Während er den Weg in seine Klasse antrat, kam ihm ein Lachen über seine eigene Verdutztheit. Zwei Lämmer in seiner Herde gehörten jedenfalls nicht dem langweiligen Durchschnitt an: die heilige Therese, und dann dieser arge Schlingel und Taugenichts.