Im Hallengang war es inzwischen von allen Seiten, in allen Ecken lebendig geworden, und einige Minuten lang schwirrte es dort durcheinander gleich einem Mückenschwarm in der Maisonne. Dann schwächte der Lärm sich ab, die Klassenthüren fielen ins Schloß; hie und da eilte noch ein Nachzügler an seinen Platz; einzelne Lehrer, sämtlich in ihrem dunkelblauen Frack, der an diesen Schulen vorgeschriebenen Uniform, schritten grüßend aneinander vorüber oder blieben, ein paar Worte wechselnd, im Gange stehen. In Eriks Klasse war alles schon mäuschenstill und in schönster Ordnung beisammen, als er mit belebtem Gesichtsausdruck hereintrat. Einen Augenblick lang ließ er, auf dem Katheder stehend, seinen Blick über die blonden und braunen Mädchenköpfe schweifen, die fast alle mit lebhaften und aufmerksamen Augen zu ihm ausschauten. Obgleich er erst zum zweitenmal aus diesem Platz und seinem jungen Auditorium gegenüberstand, fühlte er doch schon sehr deutlich die Stimmung der Sympathie, die ihm aus allen diesen Augen entgegenleuchtete. Er verdankte sie seinem eigenen Entgegenkommen. Denn die da merkten recht wohl das thatsächliche Interesse, das er ihnen als Lehrer zubrachte, — den Blonden wie den Braunen, den Klugen wie den Dummen, den Willigen wie den Widerspenstigen. Welche Fehler er auch besitzen mochte, einen wenigstens besaß er nicht: seinen Unterricht als eine leblose Pflichtmaschine zu absolvieren.
Erik schob die blauen Hefte an den Rand des Kathederpultes und sagte, sich niedersetzend: »Die Hefte können wieder verteilt werden. Sie sind zum größern Teil recht bedauerlichen Inhalts. Hoffentlich lautet die Fortsetzung viel besser. In Bezug auf einen Aufsatz darin möchte ich aber eine Erkundigung einziehen.«
Er schlug den Deckel des obersten Heftes zurück und fragte, den Namen ablesend: »Wer ist Ruth Delorme?«
Die Aufgerufene schien diese Frage erwartet zu haben; sie hatte sich bereits erhoben, ehe ihr Name von seinen Lippen fiel.
Er richtete einen bestürtzten Blick auf sie. Es war der Bacchusknabe aus dem Schulhof.
Jetzt freilich machte sie den kuriosen Eindruck nicht mehr so ganz. Das ordentlich zusammengenommene Haar und der »Klassenernst« aus ihrem Gesicht störte ihn, — vielleicht auch, daß sie die Augen niedergeschlagen hatte. Am liebsten wäre Erik ihr mit der Hand über das Gesicht gefahren, wie um eine Maske abzustreifen, damit er darunter die wirkliche Ruth zu sehen bekäme. Aber das wäre dann der mutwillige, lachende Junge von vorhin gewesen, — und das deckte sich so wenig mit der Vorstellung, die der Aufsatz von ihr weckte. Das wunderliche Geschwätz der Mädchen am Brunnen fiel ihm ein.
»Unmöglich!« entfuhr es ihm.
Sie sah verwundert auf.
»Doch!« sagte sie.
»Das kann sie! sie kann Verse machen!« riefen einige Stimmen. Man konnte es ihnen anhören, wie stolz sie auf diese Schwarzkunst waren, und wie interessant sie das unerwartete Intermezzo fanden.