»Sie gehört nicht mehr zur Schule! Sie kommt nur zu einigen Stunden!« riefen andre.
»Ich gehe bald fort,« sagte Ruth.
»Fort? Vom Ort?« fragte er, und ein brennendes Bedauern überfiel ihn.
Sie hob die Augen.
»Nein. Nur aus den Stunden.«
Wie beider Blicke sich trafen, sah er ihr Gesicht aufleuchten. Nicht nur die Augen thaten's, das Leuchten ging über Stirn und Augen, wie ein Lächeln, obschon sie ernst blieb. Der »Klassenausdruck« fiel von ihren Zügen wie ein vorgehaltener Schleier.
Er gab ihr einen Wink, daß sie sich setzen möge.
»Das ist sehr schade,« meinte er dann, ein paarmal auf und ab gehend, und es war ihm selbst nicht klar, für wen es eigentlich schade sei, ob für den Lehrer, oder für die Schülerin, oder für beide. Doch setzte er rasch hinzu: »Es ist zu früh. Ein Zeichen von Reife ist der Aufsatz nicht.«
Dann richtete er, mit dem Aufnehmen des Unterrichts, keine Bemerkung mehr an sie, vermied es auch während der Stunde ihren Namen aufzurufen, obgleich es ihn beschäftigte, daß sie fortgehen wollte. Aber er begriff, daß dieses lebhafte Interesse an einem merkwürdigen Kinde, wenn es auch ausschließlich den Erzieher in ihm reizte, von ihm selbst erst völlig beherrscht werden und in ihm selbst sich erst völlig geklärt haben mußte, ehe daran zu denken war, ihr vor einigen Dutzend neugieriger Mädchenaugen nachzugeben. Er kannte sehr wohl die üblichen Schwärmereien für den Lehrer, zweifelte auch nicht daran, daß auch er bereits Gegenstand solcher Schwärmereien sei, hielt aber doch möglichst daran fest, daß sein eigenes Benehmen ihn nicht verriete, wenn einmal eine kleine Schülerin Eindruck auf ihn machte, — was doch unvermeidlich geschah unter Menschen von Fleisch und Blut.
Ruth saß still auf ihrem Platz und folgte seinen Worten und Bemerkungen mit verträumten Augen. Sie war eine ziemlich zerstreute Schülerin, und so nahm sie auch jetzt im Grunde nichts von dem auf, was er vortrug, sondern merkte sich nur die Art, wie er vortrug, und die ihm eigentümliche Gebärde der Hand dabei. Daß er schmale, nervige Hände von edler Form besaß, daß sie aber leicht gebräunt waren, wie bei einem, der sich viel der Luft und Sonne ausgesetzt hat, merkte sie, — und es kam ihr wie ein Widerspruch vor, der sie beschäftigte. Die breite, etwas steile Linie seiner Schultern prägte sich ihr ein, wie ein Bild, und dann, daß ihm das Haar beim Sprechen in einem straffen, kleinen Büschel in die Stirn fiel, und er es stets mit einem kurzen Ruck zurückwarf, wobei der Kopf ein wenig hochmütig oben blieb. Es war kurzgehaltenes, schlichtes, dichtes Haar, und es ärgerte sie förmlich, daß es sich nirgends ein klein bißchen locken wollte, — nur ein bißchen; in Gedanken ließ sie ihm lange Locken wachsen; die sahen aber drollig aus, und so schnitt sie sie ihm wieder ab. Darüber mußte sie lachen; sie hätte fast laut aufgelacht, und der Sicherheit halber stützte sie den Mund auf die Hände.