»Hier, der Blonde.«

»Nein! Der Herr im Cylinderhut.«

Es war keiner von beiden. Ruth blickte ernsthaft geradeaus, und einem Herrn ins Gesicht, der auf sie zuschritt. Ein junger, brünetter Mann, im hellen Sommerüberzieher, mit etwas verlebten Zügen, einem kleinen Schnurrbart und mandelförmigen Augen.

Er schien wie geschaffen zum Helden der Tragödie, — darüber waren alle einig. Aber während sie ihn noch anstarrten, wie ein Meerwunder, passierte vor ihren Augen das Ungeheuerliche, woran sie eigentlich doch nicht im Ernst geglaubt hatten: Ruth grüßte ihn; ganz ernsthaft grüßte sie ihn, ohne eine Miene zu verziehen, aber doch so wie einen alten Bekannten.

Ein halbes Lächeln glitt über sein Gesicht; er hatte sie fest fixiert, jetzt griff er eilig an den kleinen runden Filzhut und grüßte wieder. Ziemlich vertraulich that er das.

Die hübsche Wjera schrie fast aus vor Ueberraschung und Vergnügen; sie war feuerrot geworden, und um ihrer Herzensbewegung Herr zu werden, mußte sie ihre Begleiterin unwillkürlich in den Arm kneifen. Ein paar von den andern aber hielten sich von der Gruppe etwas getrennt, sie genierten sich sichtlich, gingen verlegen neben dem Trottoir auf dem Straßendamm einher und schlugen die Augen nieder. Doch fand der heldenhafte Unbekannte noch eine beträchtliche Anzahl unter ihnen, die mit Augen und Mienen das Spiel fortsetzten. Während er mit ganz verlangsamten Schritten an ihnen vorüberging, flogen Blicke und Lächeln zu ihm hinüber, empfingen deutliche Antwort und wurden wiederholt. Ein paar Köpfe drehten sich auch noch nach ihm um, und auch er wurde nicht müde, zurückzusehen.

»Nein! Das ist aber zu arg!« brach eine von den Sittsamen auf dem Straßendamm los, »es ist geradezu sündhaft!«

»Ach, du liebe Tugend! Wir sind es ja gar nicht gewesen, die angefangen haben. Ruth hat es gethan. Sie hat ihn gegrüßt. Wenn sie jetzt auch so gleichgültig drauf los geht, als ginge es sie nichts an.«

»Ja, was schadet es denn auch?« verteidigten mehrere ihr Benehmen etwas betreten.

»Gewiß schadet es, — abgesehen davon, daß es sündhaft ist,« behauptete die Sittsame, »hast du nie gehört, daß man nicht geheiratet wird, wenn man ein Verhältnis gehabt hat?«