»Ja, sie hat ganz recht; es bringt uns in Verruf,« half ihr eine zweite, »und der da würde euch gewiß nicht heiraten, bildet euch das ja nicht ein. Er kann euch ja auch gar nicht alle heiraten!« setzte sie schlagend hinzu.

Einzelne suchten zwischen den Streitenden zu vermitteln.

»Es ist doch alles nur Unsinn. Eine bloße Phantasiegeschichte. Also laß doch! Morgen in der Frühstückspause spielen wir mit verteilten Rollen weiter, dann ist wieder eine von uns der edle Unglückliche, und alle Gefahr ist vorbei.«

»Nein, nun ist es keine bloße Phantasiegeschichte mehr. Du hättest ihn uns nicht zeigen sollen, Ruth.«

Diese zuckte ungeduldig die Achseln.

»Das kann ich nicht so trennen. Wenn wir's spielen, leben wir's ja auch. Aber macht es doch, wie ihr wollt,« sagte sie zerstreut.

»Nein, erst mußt du es weiter ausdenken. Eigentlich ist es auch sehr lustig. Gerade als ob man zweimal lebt: einmal zu Hause und in der Schule — und dann noch einmal ganz wo anders, wo alles gerade so ist, wie man es sich ausdenkt. — Aber diesen Weg wollen wir lieber nicht wieder gehen.«

»Ach, seid ihr Feiglinge!« rief Wjera dazwischen, die sich bis jetzt am Streit nicht beteiligt hatte, weil sie sich noch mit dem »Unglücklichen« zu thun gemacht, der irgendwo an einer Straßenecke stehen geblieben war, »ich finde diese Geschichte tausendmal interessanter, als all die Phantastereien drum herum. Was hat man denn von denen? Sie amüsieren uns nur, weil man uns eingesperrt hält!«

Ueber ihrem Hin- und Herreden beachteten sie es gar nicht, daß sie an Ruths Wohnung am Isaaksplatz angelangt waren, das heißt, daß die meisten von ihnen sich recht beträchtlich von ihrem eigenen Heim entfernt hatten. Sie liefen gewohnheitsmäßig mit, wie eine Hammelherde, Ruth selbst aber war geradeswegs nach Hause gegangen. Jetzt blieb sie zaudernd stehen und kämpfte zwischen der Lust, nach einer Seitenstraße umzubiegen, und der Nötigung, zur gewöhnlichen Stunde bei ihren Verwandten einzutreten. Bis zu Tisch blieb noch viel Zeit, einen Vorwurf zog sie sich nicht zu, und was ihr jetzt vorschwebte, war süß und lockend gleich einem Frühlingsmärchen.

Aber es gab da etwas andres, das sie zurückhielt: wenn sie jetzt hineinging, so blieb sie, wie immer, gänzlich unbemerkt und unbeachtet im ganzen Hauswesen; wenn sie dagegen bis zum späten Mittagessen fortblieb, so wurde sie vielleicht bemerkt, befragt, belästigt. Und das entschied.