Wie eines jener kleinen Insekten, welche zum Schutz vor feindlichen Mächten die Farbe des Holzes oder des Laubes annehmen, auf dem sie sitzen, so verhielt sich, halb unbewußt, auch Ruth gegenüber ihrer Umgebung. Es war ihre Art sich zu wehren.

Ruth löste sich aus der schwatzenden Mädchengruppe und verschwand hinter den hohen Thürflügeln eines umfangreichen steinernen Gebäudes, vor dem ein Soldat Wache stand. Eine Abteilung des Kriegsministeriums lag darin, nebst mehreren großen Kronswohnungen, von denen Ruths Onkel, der Staatsrat war, eine inne hatte.

Ihr Verschwinden gab das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Jetzt erst erschraken manche über die lange Versäumnis und suchten laufend eine Pferdebahnlinie zu erreichen oder unterhandelten mit den Droschkenkutschern, welche sofort, laut schreiend und sich gegenseitig nach Möglichkeit unterbietend, sie umringten.

Bis morgen vermißten sie Ruth nicht mehr; sie hatten sich ausgezeichnet unterhalten, sich ordentlich echauffiert! Morgen, wenn sie nach neuer Nahrung begierig wurden, kam sie wieder.


Erik war den Mädchen nur einen kleinen Teil des Weges gefolgt, denn er hatte noch in einem Knabengymnasium und in einer Privatschule Stunden zu geben. Dann ging er in seine Stadtwohnung hinauf, die geräumig und freundlich, aber vier Treppen hoch lag: dafür konnte man aus den Fenstern die Newa überschauen, durch deren blaue, mächtige Wogen noch der Ladogasee seine letzten Eisschollen trieb. Sie schimmerten durchsichtig im blendenden Maisonnenschein. Ueber seine Aussicht freute Erik sich täglich von neuem.

Nach Schulschluß pflegte er hier vorzusprechen, allerlei zu erledigen und eingelaufene Briefe mitzunehmen, denn die Landpost galt als unzuverlässig. Heute war er kaum eingetreten, als es klingelte.

Er öffnete die Thüre und blieb mit einem Lächeln neben derselben stehen.

»Warwara Michailowna!« sagte er.

»Was ist denn das?« fragte sie, rasch um sich blickend, »schon auf dem Lande? umgezogen? allein hier? Ich wußte es nicht! Dann haben Sie also meinen Brief — —?«