Es kam ihr sichtlich ganz wunderbar und eigentlich unbegreiflich vor, daß sie jemals nichts davon gewußt haben sollte. Klare-Bel fand, sie spräche ganz wie ein Kind: etwas so Selbstverständliches mit einem so ernsten und bewegten Gesicht.
»Und Sie wissen alles darüber!« setzte Ruth mit demselben Ausdruck hinzu, »alles, ganz so wie es war. War es wunderschön?«
Klare-Bel war nicht redseliger Natur; sie sprach ebenso wenig, wie Erik viel sprach. Aber sie bekam große Lust, sich mit Ruth zu unterhalten.
»Soll ich dir davon erzählen?« fragte sie und sah sie lächelnd an.
»Ja!« sagte Ruth dringend, und ein Gefühl, mächtiger als nur Neugier, trat in ihren Blick, »aber alles! wie die Menschen waren, und das Leben, und das Haus, und das Meer, und auch die Schulkinder.«
Klare-Bel fand, daß man mit dem Hause anfangen müsse. Und nachdem sie beschrieben, wie dörflich-klein und doch wie wunderbehaglich es gewesen sei, trotz seiner niedrigen Balkendecke und der schmalen Fensterscheiben, die von der Salzluft immer beschlagen waren, — kam sie auf die Menschen zu sprechen, die dort aus- und eingingen. Viele Menschen waren das, — ein ganzes Volk schien es Ruth, — und immer scharte Klare-Bels Erzählung sie um den einen, den sie in den Mittelpunkt stellte, um den einen, der mit ihnen alles teilte und alles that, und den das jüngste Kind und das älteste Weib mit dem gleichen Lächeln grüßten.
Ruths Augen blitzten. Was Klare-Bel erzählte, das glaubte sie wahrzunehmen, zu schauen, mitzuerleben; sie ergänzte unbewußt das Bild bis zur greifbarsten Deutlichkeit, indem sie es mit den Goldfarben übermalte, die Klare-Bel selbst ihr auf die Palette rieb. Und um dieses ganze Bild hörte sie unablässig das gewaltige Meer donnern und schäumen.
Sie roch die Salzluft und fühlte den feinen Meersand unter den Füßen knirschen; mit nachdichtender Schnelligkeit folgte ihre Phantasie den Andeutungen der Frau, die gar nicht wußte, wie liebevoll sie idealisierte, was sie Ruth beschrieb.
Als Klare-Bel geendet hatte, atmete Ruth tief auf mit lebhaft geröteten Wangen.
»O wie herrlich Sie erzählen,« rief sie dankbar; »ich möchte nichts andres thun, als Ihnen den ganzen Tag zuhören. Den ganzen Tag. Ach, das möchte ich auch erleben! Wie schön muß es gewesen sein!«