Erik versprach, das »liebe Kind« zu grüßen, das er ihr am liebsten nie wiedergegeben hätte. Er ging mit dem Onkel fort und erwog einen Plan, für den er ihn zu gewinnen hoffte. Sie waren beinahe Freunde geworden. —

Als Ruth im Laufe des Vormittags aufstand, sah sie Klare-Bels langen Stuhl schon am steinernen Springbrunnen aufgestellt. Ein Stück gestreiftes Segeltuch, das man zwischen den Obstbäumen angebracht hatte, schützte sie vor der Morgensonne.

Nach dem Gewitter schien sich das Laub ringsum wie durch einen Zauber entfaltet zu haben. Der Garten stand ordentlich grün da, und die letzten Blätter drängten sich aus der Knospe. Ruth ging langsam durch den Garten hin, und mit Entzücken hefteten sich ihre Augen auf die frische, sonnenwarme Schönheit um sie her und auf die kranke Frau, die inmitten derselben ruhte.

»Guten Morgen, Ruth!« rief Klare-Bel ihr entgegen und streckte liebreich die Hand nach ihr aus, »willkommen, mein liebes Kind! Du weißt wohl, wer ich bin? Ich konnte nicht zu dir kommen, als du die Nacht krank dalagst. Ich bin froh, daß du wieder gesund bist, und daß du nun zu mir kommen kannst.«

Ruth ergriff die kleine, weiche Hand, der man es ansehen konnte, wie rund und rosig, mit Grübchen über den Knöcheln, sie gewesen sein mochte. Und, einem raschen Gefühle folgend, beugte sie sich nieder und küßte die Hand. Sie blickte Klare-Bel mit einer Art von Ehrfurcht an, wie den kostbarsten Gegenstand hier im Hause.

»Erik und Jonas sind in der Stadt,« sagte Klare-Bel, »ich liege jetzt ganz allein hier. Willst du mir ein wenig Gesellschaft leisten, Ruth?«

Ruth nickte, noch immer ohne zu sprechen; sie war wie berauscht vom Frühling und von dem starken, frischen Duft, den alles um sie herum ausströmte. Am liebsten hätte sie aufgejauchzt.

»Ich werde hier sitzen bleiben,« erklärte sie und kauerte sich mit emporgezogenen Knieen auf den bemoosten Steinrand des Springbrunnens, aus dessen geborstener Wasserurne über ihr ein langes, dünnes Schlinggewächs sich schlangengleich herunterrankte; »denn hier ist es am allerschönsten in der ganzen Welt!«

»Sie übertreibt alles!« dachte Klare-Bel, sie heimlich betrachtend, fühlte sich aber in diesem Augenblick doch angenehm berührt. »Am Meer ist es jetzt noch viel schöner, Ruth,« sagte sie, »da, wo wir früher gewohnt haben, — auf der kleinen Insel weit draußen. Bist du schon einmal am Meer gewesen?«

»Ja, mehreremale,« versetzte Ruth, »aber viel lieber wäre ich gerade da gewesen, wo Sie gewohnt haben, — auf der kleinen Insel. Aber ich wußte damals nichts davon. Nein, ich wußte es nicht.«