»Die Hauptsache habt ihr vergessen,« bemerkte die Tante, — »das, was die unartigen Mädchen entschuldigt und Ruths Schreck erklärt. Ruth war nämlich als Kind fest überzeugt davon, daß in den Raupen, Schlangen und allem Gewürm der leibhaftige Böse sitze. Sie steckte überhaupt immer voll von gottlosen Ammengeschichten. Weiß Gott, wo sie die auflas. In solchen Dingen ist Ruth immer so merkwürdig kindisch gewesen, und auch geblieben. Sie hat dasselbe Grauen unvermindert noch heute.«
»Aber es ist ihr seitdem alles aus den Augen geräumt worden, was sie daran erinnern könnte,« sagte der Onkel zu Erik.
»Das hätte es nicht dürfen,« entgegnete dieser bestimmt, aber sein Gesicht war sehr nachdenklich geworden. »Man kann mit Ruth nicht behutsam genug, aber gleichzeitig auch nicht fest genug umgehen, wenn man ihr nützen will.«
Er erhob sich, um Abschied zu nehmen.
Der Onkel schwieg einen Augenblick, zerdrückte stehend seinen Cigarettenrest auf dem Aschenbecher und sagte dann plötzlich herzlich zu Erik: »Wissen Sie, — ich bin froh, ordentlich froh bin ich, daß die Ruth bei Ihnen ist.«
»Ich wünsche nichts lieber, als daß sie mir bleibt!« entgegnete Erik einfach.
»Ja, sehen Sie,« fuhr der Onkel fort, indem er dicht an ihn herantrat, »ich glaube, gerade bei Ihnen ist das kleine Ding endlich einmal vor die rechte Schmiede gekommen. Nach all ihren Irrfahrten. Und vor die rechte Schmiede, das heißt fast so viel wie: nach Hause.«
»Aber, ich bitte dich,« fiel die Tante, unangenehm berührt, ein, »nach deinen Worten muß jeder denken, Ruth sei hier mißhandelt worden.«
»Ach, wieso denn mißhandelt,« sagte er verdrießlich. »Nein, gut behandelt, natürlich, wie sollte es denn anders sein? Aber wozu sollen wir's leugnen: Sie wissen sich besser um sie zu kümmern, als wir es verstehen. Neulich fühlte ich's schon, heute weiß ich's ganz deutlich. Ich freu' mich ja auch an ihr, — ja, das thu' ich, weiß Gott, — aber im übrigen: das Kind hat nichts davon. Das ist es nur, was ich meine.«
»Nun ja,« lenkte die Tante ein, »sicherlich müssen wir Ihnen dankbar sein. Aber sprich nur nicht so sündhaft. Es klingt ja geradezu so, als ob du Ruth los sein wolltest. Grüßen Sie das liebe Kind von mir. Und wenn sie erkranken sollte, komme ich ganz bestimmt hinaus und pflege sie.«