Sie schlug die Augen auf und blickte ihn voll an.
»Es ist, als ob ich ins Meer gestürzt wäre,« sagte sie. —
Erik ging früher als sonst fort, um noch vor Beginn seiner Schulstunden bei Ruths Verwandten vorsprechen zu können. Er traf sie beim ersten Frühstück. Basil ließ ihn erst auf seinen ausdrücklichen Wunsch, etwas zaudernd, in den Speisesaal eintreten, wo die Tante, im Morgenhäubchen, sich noch hinter dem Samowar befand. Sie zeigte sich ein wenig befremdet über den allzu frühen Besuch. Der Onkel, schon im Begriff, wie allmorgendlich, ins Ministerium hinunterzugehen, saß in Militärbeinkleidern und eleganter geschlossener Joppe beim letzten Glase Thee. Er sprang auf und kam Erik mit lebhaften besorgten Fragen nach Ruth entgegen. Erik erzählte, wie sie auf dem Heimweg umgekehrt, ins Gewitter geraten und vor Aufregung krank geworden sei.
»Das kleine Ding!« äußerte der Onkel in zärtlich besorgtem Ton; er warf sich im stillen vor, daß er Ruth eigentlich dazu aufgemuntert habe, »wegzulaufen«. »Wie schlimm muß das für sie gewesen sein! Schon wenn Ruth einmal unerwartet vom Warmen ins Kalte gerät, da schaudert ihr die ganze Haut und sie zittert. Und dann kann sie sich auch so ganz entsetzlich fürchten.«
Liuba kam herein, begrüßte Erik und schenkte sich mit schlafgeröteten Augen Thee ein; sie war in Gesellschaft gewesen und spät aufgeblieben.
»Ja, Courage hat Ruth mal nicht,« bestätigte sie, »als wir ihr einmal eine Raupe auf den Hals setzten, fiel sie in Krämpfe.«
Erik blickte mit bestürztem Gesicht auf.
»Hat sie dazu Anlage gezeigt?« fragte er langsam.
»Aber nein, sonst niemals!« erwiderte der Onkel ärgerlich, »es ist schon Jahre her. Dreizehn Jahre war sie wohl alt. Es war irgendwo in der Schweiz. Ruth trug ein dünnes Sommerkleid mit bloßem Halse. Es war sehr schlecht von euch, sie so zu erschrecken, Liuba. Du solltest lieber davon still sein.«
»Wir haben uns doch nichts Böses dabei gedacht,« sagte Liuba, »warum saß sie auch immer so ganz versonnen und vertieft herum, so ganz wie ein Stein, der weder sieht noch hört. Es störte das Spiel der andern. Und da, wie nichts sie aufwecken wollte, setzten wir eine Ligusterraupe auf ihre Halskrause. Aber die Raupe kroch in den Halsausschnitt hinein. Ruth schrie nicht einmal auf. Sie fiel um.«