Aber Ruth fand, es sei beinahe gleichgültig, ob man in einem solchen Fall den andern noch dienen konnte. Was sie so entsetzte, war die Vorstellung, durch ein derartiges Unglück die Ursache zu werden, daß ein Andrer, Starker, Gesunder aufhören mußte, seiner Sache zu dienen.
Es verwirrte sie ganz, daß die sanfte kranke Frau ihr gar nicht leid that. Sie hatte das Gefühl: diese würde ihr schon leid thun, wenn sie nur erst Zeit hätte, an sie zu denken. Aber sie mußte immer an Erik denken. Und sie empfand Mitleid mit ihm, stürmisches Mitleid bis zum Weinen.
Klare-Bel lag gerade ausgestreckt und blickte mit ihren ruhigen blauen Augen in den klaren blauen Himmel hinauf. Sie dachte an das Glück, wie sie es hätte behalten mögen, — so klar und blau und ruhig, wie der.
»Das wünschte ich dir,« sagte sie zu Ruth, die ganz verstummt war, »einmal so von ganzem Herzen jemand dienen zu dürfen, den du lieb hast. Dazu gesund zu sein, und schön und gut und klug obendrein! Gleichviel, ob er dann Großes oder Kleines in der Welt vollbringt, — daran liegt's nicht! Das Lieben und das Dienen ist doch das Schönere. Namentlich für uns Frauen. Es ist viel schöner, als derjenige zu sein, dem es gilt. Das brauchen wir nicht zu beneiden.«
»Ach nein!« rief Ruth lebhaft, »es kann ja gar nicht möglich sein, daß es das Schönere ist. Der, dem's gilt, hat es besser. Sonst hätte Gott es ja schlechter als die Menschen!«
Klare-Bel warf ihr einen erstaunten Blick aus den blauen Augen zu, — einen tadelnden Blick. Aber sie wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. Man mußte wirklich ziemlich viel Nachsicht haben mit Ruth. Klare-Bel fühlte sich nur sicher, so lange Ruth zuhörte. Sie hörte so hübsch zu. Aber sobald sie sprach, mußte man sich verwundern und eigentlich auch ärgern. Die war sicher mehr für Erik geschaffen als für sie. Er würde wohl aus ihr klug werden. Denn das war ja seine Spezialität.
Inzwischen war Jonas, lustig pfeifend, von der Straßenseite her in den Garten getreten, und man sah ihn, den Schulranzen auf dem Rücken, zwischen den Bäumen im Hause verschwinden. Als er wieder zum Vorschein kam, war der Ranzen abgeworfen, und in der Hand hielt er ein mächtiges Butterbrot, in das er hineinbiß.
Er lief auf seine Mutter zu, küßte sie, streckte Ruth die Hand hin und sagte: »Du, — Sie — haben —,« stockte und wurde rot.
»Du!« entschied Ruth ernsthaft und betrachtete ihn.
»Ja, nicht wahr?« meinte er fröhlich und nahm neben ihr aus dem Rande des Springbrunnens Platz, »denn jetzt sind wir ja Hausgenossen. Eigentlich Geschwister. Nicht wahr, Mama? Und Altersgenossen auch. Wie alt bist du denn?«