»Du!« sagte sie lachenden Mundes, ließ sich küssen, und ließ ihn los.
Erik und Jonas waren schon fortgegangen, und Gonne räumte eifrig und geräuschvoll in den Stuben auf, als Klare-Bel noch über das letzte Gespräch nachsann. Sie war wahrhaftig nicht grüblerisch und versonnen angelegt; alles andre eher. Aber wenn man ewig so stillliegen mußte, immer auf dem Rücken, und die Augen an der geweißten Zimmerdecke, so geriet man zuletzt auf alles mögliche, und auch auf das Nachdenken. An sich selbst dachte nun Klare-Bel eigentlich nie, stets nur indirekt. Sie kannte im Grunde nur drei ernstliche, sozusagen hauptsächliche Gedanken, die Sammlung heischten: Erik, Jonas, und die gefürchtete Unordnung im Haushalt. Aber es war merkwürdig, wie viel man aus den dreien machen konnte, wenn man sie geschickt kombinierte. Man hätte meinen können, es seien tausend.
Erik hatte vorhin also gesagt: die Schönheit stifte keinen tiefern Schaden an. Ja, das war gewiß ein rechtes Glück. Denn Erik war sehr empfänglich für die Schönheit. Schon, als sie noch gesund herumging, beunruhigte es sie. Sie selbst war glücklicherweise sehr schön, aber sie war blond, und ihr schien es, als ob die Braunen ihn ebenfalls interessierten. Gewiß hatte er sich ungezähltemal etwas verliebt. Aber nur ein einziges Mal erschrak sie, — schrak förmlich auf aus aller bisherigen Freude. Während des zweiten Jahres auf der Insel. Da fing er an, sie so viel allein zu lassen; manchmal war es ihr, als ob sie ihm nicht mehr wie sonst genüge. Er wurde auch wortkarger. Und endlich — ja endlich that sie dann, was er nie im Leben erfahren durfte: sie ging ihm heimlich nach.
An einem weichen, dunkeln Aprilabend war's. Das Meer lag regungslos, und am Himmel stand das erste Frühlingsgewitter. Sie sah ihn aus einem kleinen Hause, hart an der Düne, heraustreten und an ihr vorbei, in Gedanken verloren, heimgehen. In dem Häuschen wohnte die merkwürdigste Frau auf der ganzen Insel. Bei allen stand sie in hohem Ansehen, wegen ihres Verstandes, wegen ihrer Haltung in schweren und wechselvollen Schicksalen, wegen eines seltenen Schatzes von Weisheit und Erfahrung, aus dessen Fülle sie schöpfte, wenn ein feiner, liebevoller Menschenkenner sie zum Sprechen brachte.
Es war Frau Larsen, eine lahme, sechzigjährige Frau.
Seit diesem Abend hegte Klare-Bel ein unbegrenztes Vertrauen zu ihrem Mann. —
Erik verbrachte die ersten Morgenstunden mit Jonas in dessen Gymnasium; gegen Mittag begab er sich in die große Hauptschule für Mädchen, die ziemlich entfernt lag.
Er war in eine vorüberfahrende Pferdebahn eingestiegen, und an einer der letzten Haltestellen sprang ein Kollege zu ihm ein. Dieser sah erhitzt aus, behielt nach der Begrüßung den Hut in den Händen und fächelte sich mit dem Taschentuch.
»Wie geht es, Herr Matthieux?« fragte er Erik, hastig atmend, »hier in der Stadt ist der Mai schon unerträglich, — wirklich, — wenigstens im Gehen. Und dabei wagt man nicht, den Sommerüberzieher abzulegen; jeden Augenblick erwartet man wieder von der Newa her einen eisigen Windstoß. Ohne Uebergänge, ohne Normaltemperatur. Ein möderisches Klima.«
Er begleitete seine Worte mit so vielen Gestikulationen, daß man den Eindruck empfing, er werde sich nie im Leben wieder abkühlen. Erik betrachtete mit raschem Blick den ihm gegenübersitzenden, ungefähr gleichaltrigen Mann, auf dessen entblößtes, bereits stark gelichtetes Haupthaar die grelle Maisonne wie spöttisch von draußen hereinsah.