Erstlich hatte er im Unterkiefer einen Vorderzahn, der ihm einstmals beim Fechten auf dem Fechtboden zu Berlin ausgeschlagen ward, den er sich zwar gleich wieder eingesetzt hatte, der aber dessen ungeachtet (da er etwas nach vorn stand, und auch an dem Hieb des Fechtens unverkennbar war) mir ein untrügliches Kennzeichen gewährte.

Zweitens wußte ich ganz bestimmt, daß ihm nicht nur kein Zahn fehlte, sondern daß er auch vorzugsweise gute und schöne Zähne hatte. Drittens hatte er an der Stirn über dem rechten Auge eine Narbe, die er, wenn ich nicht irre, in seiner frühsten Jugend durch einen Steinwurf erhalten hatte.

Viertens dienten mir auch seine überaus starken Backen- und Augendeckelknochen, so wie überhaupt die ganze Gestalt seines Kopfes zu hinlänglicher Erkennung desselben.

Demzufolge hatte ich an dem mir vom Bürgermeister Deslyon und mehreren Einwohnern des Dorfes bezeichneten Ort, wo unser Freund begraben liegen sollte, bereits sechs Gräber ohne erwünschten Erfolg öffnen lassen, als die Nacht einbrach und mich an allem weiteren Aufsuchen für diesen Tag verhinderte. Am folgenden Tage, nämlich den 6. Dezember v. J. mußte das von mir commandirte Füsilier-Bataillon seine damaligen Cantonnirungen verlassen, und die jetzt von demselben besetzten Orte beziehen, vorher aber nach Charleville marschiren, um daselbst am 7. Dezember vom G. von Zieten besichtiget zu werden. Der Dienst gebot mir daher noch in der Nacht nach Launoy zurück zu reiten, ehe ich aber la Lobbe verließ, machte ich es dem Bürgermeister Deslyon zur ausdrücklichen Bedingung am folgenden Tage mit dem Aufsuchen der Gebeine meines Freundes fortfahren zu lassen, und wenn man sie gefunden, er sie unverzüglich nach Launoy an einen meiner Kundschafter, den ich mit dorthin genommen hatte, überschicken solle. Nach meinem Eintreffen in Launoy befand ich mich aber so höchst unwohl, daß ich mich außer Stand gesetzt sah, mit meinem Bataillon von dort nach Charleville abzumarschiren.

Ueber alle Beschreibung aber fühlte ich mich überrascht, als mir der Bürgermeister Deslyon am 6. Dezember vorigen Jahres des Nachmittags um 3 Uhr meinen Freund ganz so, wiewohl verweset, wie er zur Erde bestattet ward, übersandte. Augenblicklich erkannte ich die Gebeine an den oben erwähnten Kennzeichen für die unseres Friesen, und zwar ganz vollzählig, ausgenommen zweier Vorderzähne am Oberkiefer, die ihm, da sie ihm bei seinen Lebzeiten nicht fehlten, vermuthlich bei dem oben angeführten Handgemenge von seinen Mördern ausgeschlagen wurden, welches mir um so wahrscheinlicher ist, da die beiden Augenzähne eine widernatürliche Richtung haben, indem sie ganz nach hinten stehen, und auch sehr tief im Kiefer stecken, denn wenn sie ihm im Grabe ausgefallen wären, so hätte ich sie im Sarge vorfinden müssen.

Meine Freude und mein Schmerz über den nunmehrigen Besitz dieser theuren und herrlichen Ueberreste ist überaus und gleich groß. – Ich habe beim Anschauen und gewissenhaften Ueberzählen derselben die bittersten Thränen vergossen und seinen wahrhaft königlichen Schädel mit eben der Liebe und Freundschaft geküßt, wie ich dies bei seinen Lebzeiten im Glück und Unglück stets gethan! – Es fehlen mir die Worte um Dir meine Empfindungen in ihrem ganzen Umfange auszudrücken, die mich bei dem Bewußtsein durchdringen, die Gebeine meines Freundes, dessen Andenken die Zeit nie und nimmer aus meiner Seele verwischen kann und wird, in meiner Stube zu wissen.

Das Hirn ist im Schädel noch ganz erhalten, jedoch schon ziemlich vertrocknet. Den Gang der Kugel, durch die er getödtet ward, entdeckte ich sofort im linken Schulterblatt. Ungefähr so viel Haupthaar als zu drei Locken nöthig sind, wie sie die Frauen gewöhnlich in einer Glaskapsel auf dem Busen zu tragen pflegen, sind seltsam genug unter dem Schädel der Verwesung ganz entgangen.

Während der Belagerung von Mezières 1815 hatten die Hessen den Brodico, Mörder unseres Freundes verhaften lassen. Der damalige Bürgermeister von Launoy, jetziger Notaire daselbst, Namens Coche, ließ denselben aber absichtlich entspringen, wofür er seines Postens entsetzt ward und 50 Stockhiebe erhielt. – In Novion soll sich das Schwert und mehrere Kleidungsstücke von unserem Freunde befinden, bis jetzt ist es aber meinen Kundschaftern noch nicht gelungen, die Besitzer derselben auszumitteln, was deßhalb sehr schwer hält, da die Bewohner der ganzen Gegend befürchten, daß sie wegen der Ermordung unseres Freundes noch einmal dürften gezüchtigt werden, und daher alles sehr geheim halten. – Der Bürgermeister Deslyon hat mir bei Uebersendung der Gebeine ein Zeugniß ausgestellt, daß es wirklich die des am 16. März 1814 im Walde de Huilleux getödteten Preußischen Offiziers seien, wogegen ich ihm auf sein Ansuchen einen Empfangsschein gegeben habe.

Eine gleiche Geschichtserzählung, wie die vorstehende ist, habe ich vor Kurzem an den Doctor Jahn nach Berlin gesandt, und mich erboten alle Gebeine unseres Freundes ihm zu übersenden, wenn er, seiner mir früher gegebenen Zusicherung gemäß, sie auf dem Turnplatz bei Berlin unter der Mahlsäule der heimathlichen Erde überliefern will; widrigenfalls ich sie sonst durchaus nicht aus meinem Verwahrsam gebe, sondern sie lieber verbrenne, als wissentlich zugebe, daß sie vertrödelt werden.

Druck von Gebrüder Katz in Dessau.