Das Jahr 1824 brachte nur düstre und verhängnißvolle Ereignisse. Elisens Vater, welcher trotz aller Bedrängniß seiner Vermögensangelegenheiten sein vergnügungssüchtiges Leben unverändert fortsetzte, war bei einer Gesellschaft, die er am Geburtstage des Königs von Dänemark bei sich vereinigt hatte, von einem Nervenschlag betroffen worden, und man mußte ihn bewußtlos von der Tafel forttragen; er erholte sich zwar wieder, jedoch sehr langsam. Von seiner zweiten Gattin hatte er sich bereits wieder getrennt.
Nun war auch der Zeitpunkt gekommen, wo Immermann Münster verlassen mußte, da er als Kriminalrichter nach seiner Vaterstadt versetzt wurde. Mit schwerem Herzen schied er aus Elisens Nähe, gegen die ihm das prosaische Magdeburg einen traurigen Contrast bieten mußte. Er sollte von dort aus einen Theil von Elisens dänischen Vermögensangelegenheiten weiter führen, außerdem aber hatten sie ausgemacht, daß sie sich wöchentlich schreiben wollten, und sich alles Interessante mittheilen, was ihnen begegnete. Wir geben im Anhang Immermann's Briefe aus Magdeburg, die uns den Dichter in frischer Jugendlichkeit zeigen, und schon jene Lust an der Poesie und jene feine Beobachtung der Schauspielkunst bekunden, die er später so entschieden an den Tag legte. Außerdem tritt uns in diesen Briefen deutlich sein Verhältniß zu Elisa vor die Augen, eine zarte Neigung, welche niemals wagt, über die Gränzen eines freundschaftlichen Gedankenaustausches hinauszugehen.
Grade in jene Zeit, als dieser Briefwechsel zwischen Immermann und Elisen stattfand, fiel ein Ereigniß, welches letztere schmerzlich aufregte. Lützow, der leicht von unbedeutenden und koketten Frauen angezogen wurde, hatte die Bekanntschaft einer jungen reichen Dame gemacht, welche ihm außerordentlich gefiel, und deren Neigung er sich versichert zu haben glaubte; in seiner Schwäche und verliebten Verblendung ging er sogar so weit zu äußern, daß er hier ein Glück vor sich sähe, das ihm über alles werth sei.
Elisen war es nie in den Sinn gekommen, sich von ihrem Gatten zu trennen; trotz der bittern Enttäuschungen, die ihr durch ihn geworden, hielt sie das Band, welches sie an ihn knüpfte, für ein unauflösliches. Als sie aber seinen Wunsch vernahm, jene junge Dame heirathen zu können, erklärte sie sogleich, sie wolle seinem Glücke nicht entgegen sein, und sich von ihm scheiden lassen. Lützow war gerührt von solcher Großmuth und Entsagung, aber so sehr erfüllt von dem Reiz des neuen Verhältnisses, welches er vor sich sah, daß er Elisens Vorschlag annahm.
Kein hartes, leidenschaftliches Wort fiel zwischen den Gatten vor; es wurde alles mit äußerer Ruhe und Würde besprochen und überlegt; Lützow bat dringend, daß Elisa immer seine Freundin bleibe, daß sie einen fortwährenden Briefwechsel unterhalten möchten, daß sie ihm erlaube auch ferner, wie er es bisher gethan, sich um ihre Geschäfte in Dänemark zu bekümmern.
Elisa hatte keinen Augenblick geschwankt, Lützow seine Freiheit anzubieten, aber sie litt tief dabei, sie sah sich plötzlich verlassen und heimathlos, und so fest, wie ihr Entschluß stand, fortzugehen, so wußte sie doch noch nicht, wohin sie sich wenden sollte. Ihr Leid einstweilen still in sich verschließend, scheint sie es damals noch keinem ihrer Freunde mitgetheilt zu haben, und auch Immermann, ohne zu ahnen, was vorgegangen, schrieb ihr noch lange unbefangen und harmlos wie bisher. Erst als sie beschlossen hatte vorerst nach Dresden zu gehen, wo ihre Freundin Henriette Solger als Wittwe lebte, scheint sie ihm über diese Absicht und die Ursache derselben einige unbestimmte Andeutungen gemacht zu haben, wie aus seinen Briefen zu ersehen ist. Bald darauf gerieth Immermann durch die nähere Mittheilung von dem Schicksal der geliebten Freundin in die größte Aufregung; so sehr, wie er sie bedauerte, so hoffnungsvoll machte ihn zugleich der Gedanke, daß sie bald frei sein würde; er schrieb ihr voll Herzlichkeit, aber doch mit zarter Furcht, sie durch dringende Fragen zu verletzen.
Gegen die Mitte des Augusts reiste Elisa von Münster ab, nicht ohne Wehmuth einen Ort verlassend, an dem sie manche Freude, aber auch vielen Kummer erlebt hatte. In Dresden wollte sie außer Henriette Solger wenig Menschen sehen, da sie nach Einsamkeit und Stille verlangte; doch ließ sie sich von ihrer Freundin bei Ludwig Tieck einführen, wo er selbst sowohl als seine Familie und die Gräfin Finckenstein ihr auf das freundlichste entgegenkamen.
Wie sehr Lützow von Elisens Abreise erschüttert war, möge der folgende Brief beweisen, den er ihr von Münster den 26. August 1824 schrieb: »Meine ewig geliebte Elise! Glücklich – nein unglücklich bin ich hier angekommen, und habe freilich alles – nur Dich nicht gefunden. – Besonders vermißte ich die Dir lieben kleinen Gemälde von Solger, seiner Frau, Friesen und Wilhelm – da sie Dir theuer sind, haben sie für mich einen hohen Werth, und krampfhaft fahre ich zurück, wenn ich die leeren Plätze sehe. – Hector ist viel bei mir, und freute sich mehr, mich wiederzusehen, als er sonst zu thun pflegte, – er stieß mich mit der Schnauze und forderte Dich von mir. – Ein altes holsteinisches Schaustück, was ich zum Block an dem Tage unserer Hochzeit gebraucht, findet sich auch wieder vor und macht einen tiefen Eindruck auf mich. – Unser Platz im Garten ist beinah wie eine Laube zusammengewachsen, die Leute machen die Stege rein, und fast möchte ich böse werden und fragen für wen? – Neulich war ich bei G.'s in Loburg, es war Vogelschießen, ich erschien unerwartet und wurde ungewöhnlich freundlich aufgenommen; ich wollte in dieser Gesellschaft, die Dich so sehr liebt, auf Dein Wohl trinken, ich vermochte es aber nicht, denn Thränen würden mich erstickt haben; nur von der lustigen Stimmung der Gesellschaft konnte meine innere Bewegung unbemerkt bleiben. – Mein Urlaub nach Kopenhagen ist angekommen. Auf jeden Fall erwarte ich vor der Abreise noch ein Schreiben von Dir und schreibe noch einmal an Dich. Hast Du die Solger wohl gefunden, bist Du ein wenig froh? Sei es ja – und sei fest überzeugt, daß Dein Glück mein höchster Wunsch ist, und unter allen Umständen bleiben wird, sei offen und wahr gegen mich, ich werde es auch sein, denn es ist nun einmal meine Natur so zu sein. – Lebe ein wenig vergnügt und schreibe bald an Deinen Dich herzlich liebenden Mann Lützow.« –
Nachdem er seine Reise nach Kopenhagen, die er in ihren Angelegenheiten machte, beendet, schrieb er ihr aus Münster, den 26. Oktober 1824, nachstehende Zeilen, in denen sich bereits die Reue über sein Betragen lebhaft ausspricht: – »Schlüsser hat Immermann gesprochen; des ersteren Brief hat mich einigermaßen über Dein künftiges Schicksal beruhigt. – Deine Zufriedenheit wünsche ich von ganzem Herzen, diese zu befördern, ist mein höchster Wunsch, meine heiligste Pflicht; unendlich fühle ich, daß ich nicht immer so gehandelt habe, wie ich gesollt, aber die unglücklichen Geldverhältnisse am Anfang unserer Verbindung, Vaterlandsliebe und Ehrsucht zogen mich aus dem häuslichen Verhältniß störend in eine äußere Welt. – Mit Thränen bereue ich die Art und Weise, wie ich Dich von Aachen in Kleve eingeführt habe. Vergieb mir! – Nun noch eine Bitte; laß Dich von dem besten Maler in Dresden malen – es koste, was es wolle, mir ist kein Preis zu hoch – und schicke mir Dein Bild, Dein ewig unvergeßliches Bild! – Schlüsser wird Immermann in Magdeburg besuchen; ich erwarte ihn mit großer Bewegung. – Lebe wohl, glücklich, und gedenke Deines treuesten Freundes mit Güte und Freundschaft. Adolph.« –
Wie sehr das Andenken an Elisen Lützow ergriff, zeigt ein Schreiben von Wilhelmine von G. an Elisen, aus Loburg, den 29. Oktober 1824, die, noch nicht ahnend, daß Elisa von Münster für immer abgereist sei, sich folgendermaßen äußert: »Ehe Lützow wegreiste, theilte er uns immer mit, wie es Dir ging, er vermißte Dich unendlich, dies war aus allem zu merken, er war immer ganz ergriffen, wenn er von Dir sprach, so daß ich scheute nach Dir zu fragen, auch jetzt, als er nach Hamburg kam, war er ganz glücklich, von mir zu hören, daß Du wohl wärest, und er war kaum im Zimmer, als er fragte: »Was schreibt Elise? Ist sie vergnügt?« Ich konnte nicht unterlassen, ihm Deinen Brief vorzulesen; am Ende sagte er: »Nicht wahr, sie ist vergnügt und wohl?« Nun, Du kennst ja seine Art, wenn ihn etwas sehr interessirt; er war ganz weich und sprach immer über Dich mit vieler Liebe, ich hätte ihn dafür küssen können. Zwar zweifelte ich nie an seiner Liebe zu Dir, denn wer Dich kennt, muß Dich lieb haben, aber an Lützow sucht man so tiefe Empfindungen nicht, er gewinnt, je mehr man ihn sieht, er hat ein herrliches Gemüth, und bei mir hat er den Vogel abgeschossen, nun ich sehe, wie wahrhaft er Dich liebt und jetzt vermißt. Deine Gesundheit haben wir oft getrunken, und Lützow brachte sie immer aus.« –