Von Lützow's Gemüthsstimmung geben die folgenden, auf einer Dienstreise geschriebenen Zeilen ein deutliches Bild: »Meine herzlich geliebte, höchst seltene Elise! Mir geht es unter Pferden, Kuirassieren und Husaren viel besser als es sein sollte! – Nur selten schleiche ich fort, und Thränen müssen meinem zerrissenen Herzen in diesem Augenblick Luft machen. – Nicht was die Zukunft bringen wird, bekümmert mich, denn das fühle ich, daß Dein Glück möglichst zu befördern, meine heiligste Pflicht ist, – aber wie habe ich Dich schon gequält, wie quäle ich Dich noch in diesem Augenblick, – Deine zarte Gesundheit, wie habe ich sie nicht untergraben! – Schreibe mir doch ja mit der zurückkehrenden Ordonanz, wie Du Dich befindest, und tröste den, der ohne Ausnahme in dieser Welt Dein treuester Freund ist.« –
Unterdessen war die Scheidung der beiden Gatten eingeleitet, und ihre Trennung konnte nun niemand mehr ein Geheimniß bleiben; Freunde und Verwandte geriethen dadurch in Sorge und Bestürzung. Lützow's Schwester, die Gräfin Minona von Dohna-Wundlacken, schrieb im ersten Schrecken darüber, nicht an ihren Bruder, sondern an Elisen zu der sie ein unbegränztes Vertrauen hatte; ihr Brief aus Köslin, den 22. Dezbr. 1824, zeigt wie sehr sie die Schwägerin liebte und anerkannte. Es heißt darin: »Ich höre durch Briefe meiner Brüder, die ich eben empfange, Du seist noch in Dresden, es wäre auch möglich Du kämest nach Berlin. Zu gleicher Zeit giebt man mir Nachrichten von Gerüchten, welche mein Herz zerreißen, und mit innigem Schmerz und Betrübniß die Seele erfüllen. Ein dichter Schleier umhüllt noch das Ganze, nur mit banger Besorgniß bin ich befangen, ich bitte Dich um Gotteswillen, reiße mich aus dieser tödtlichen Ungewißheit; mein treuer Dohna theilt meinen Jammer, er bittet mit mir, Dich doch uns anzuvertrauen, und doch recht treu und wahr Dich gegen mich auszusprechen; Du weißt ja, meine theure, einzige Elisa, wie innig ich Dich liebe, schätze und verehre, Du weißt, daß ich nicht einseitig denke, Du weißt, wie ich Dein Verhältniß mit Adolph kenne, und wie ich es beurtheile – Du weißt, wie sehr wir Alle Deine Vorzüge und herrlichen Eigenschaften zu schätzen wissen, Du weißt, wie hoch ich Dich stelle, und wie ich Dein vorzügliches Benehmen gegen Adolph zu würdigen wußte. Ich weiß, daß Dir der Himmel in den Jahren Deiner Verbindung mit Adolph harte Prüfungen und ein schweres Loos auferlegte, mit Bewunderung sah ich, wie schön, zart, liebevoll und nachsichtig Du das Band hieltest, welches ich durch gegenseitiges Reiferwerden immer fester geknüpft glaubte; was kann Euch lieben Menschen bewegen, bestimmen, ein Band zu lösen, eben jetzt, wo, jemehr man in die Zukunft blickt, Ihr Euch immer mehr und mehr bedürfet? Ich bin trostlos über die Möglichkeit dieses Gedankens! Kleine Verirrungen, unbedeutende Mißverständnisse können doch nur die Veranlassung zu demselben gegeben haben! Ich bitte Dich himmelhoch, geliebte Elisa, überlege diesen wichtigen Schritt; könntest Du glücklich, ruhig und zufrieden werden? Gedenke doch der Zeit, wo Du Dich Deinem Manne mit so vieler Aufopferung hingegeben hast, wie Du ihn liebtest und bewundertest! Sollte der Arme nicht mehr derselbe sein? Sollte er Dich jetzt nicht mehr verdienen, Deiner nicht mehr würdig sein? Wolltest Du ihn verlassen, da Ihr endlich im Hafen der Ruhe seid, und so glücklich leben könnt? – Zwei so edle Naturen, so ausgezeichnet, und ich möchte sagen, doch für einander geschaffen! Geliebte, einzige Elisa, flehentlich bitte und beschwöre ich Dich, sag' mir ein tröstliches Wort, und gieb mir Klarheit. – Schreibe mir doch gleich, und halte Dich der treuesten, unwandelbarsten Gesinnungen überzeugt, mit welchen ich ewig bin und sein werde, Deine treue, Dich innig liebende Minona.« – Alle, welche in die näheren Verhältnisse eingeweiht waren, erkannten Elisens uneigennützige Handlungsweise und bedauerten sie, während sie Lützow's Benehmen mißbilligten. »Du hast edel gehandelt, meine Elisa,« schrieb ihre Jugendfreundin Fanny Harward, »und so wie ich es von Dir erwarten konnte. Du hast das größte Opfer gebracht, welches eine Frau bringen kann, Du hast alle Befriedigung und Dein ganzes häusliches Glück aufgegeben, um das Glück dessen zu sichern, der vierzehn Jahre der Gefährte aller Deiner Sorgen und Freuden war. Der große, uneigennützige Charakter meiner Elisa erscheint mir in einem noch höheren Glanze als bisher, während der von Lützow, ich kann es nicht läugnen, in meinen Augen gesunken ist. Es ist unbegreiflich, daß er ein solches Opfer annehmen, daß er sich entschließen konnte die Gattin seiner Jugendtage, die Erwählte seines Herzens freiwillig ihr Glück opfern zu lassen, um das seinige zu sichern. Wäre er noch in dem Alter jugendlicher Leidenschaften, so dürfte man ihn eher entschuldigen, aber er ist ein Mann, der mehr als vierzig Sommer dahinschwinden sah, und im Stande hätte sein müssen, eine Leidenschaft zu beherrschen, die so schnell eine schuldige wurde. Er hätte sich bestreben müssen, sie in ihrem Beginn zu ersticken, anstatt sein, Dein und ihr Glück auf's Spiel zu setzen.« –
Liest man die Briefe von Lützow, so wird man versöhnt durch seine Reue; er schrieb an Elisen aus Münster, den 24. Februar 1825: »Wenn ich lange nichts von Dir erfahre, wird mir immer so bange. – Eine Veränderung des Aufenthalts wünsche ich mir sehr, und denke sie zu erhalten. – Dein Glück ist mein einziger Wunsch, wenn ich weiß, daß Du es bist, habe ich meine Ruhe wieder, meine zerreißenden Gewissensbisse schweigen, denn ich bin zu wahr, um mich selbst zu betrügen. – Aus Mitleid gegen mich sei glücklich!« –
Adele von A., die liebevolle, zärtliche Freundin, schrieb Elisen aus Keimkallen, den 24. Februar 1825: »Ich hatte, wie Du es vermuthest, schon etwas von dem gehört, was Du mir nun selbst geschrieben. Mein Herz war mit großer Betrübniß erfüllt, und ich konnte es nicht glauben, was das Gerücht sagte – nun ist es dennoch wahr! – Ach, denke es doch nicht, Geliebte, daß dieser Schritt, den Du gethan, uns bewogen hätte, lieblos über Dich zu urtheilen. Auch nicht einen Augenblick! Wir kennen ja Dich, und Du hast gehandelt nach langen Kämpfen und bester Einsicht. – Mir ist es sehr wehmüthig, wenn ich daran gedenke, und die Versicherung, die Du mir giebst, daß Deinerseits kein anderer Grund ist, als der, den Du nennst, und den ich von ganzem Herzen ehre, giebt mir einen großen Trost, und eine rechte Freudigkeit. Du liebe Elise, wenn dies doch klar und deutlich der Welt vor Augen stehen könnte, was Dich bewogen – und Du verbietest es zu nennen! Ich erkenne darin Dein edles Herz. – Wie ist es denn mit Lützow, und ist er noch in Münster? Und glaubst Du, daß er hoffen darf, und es auch wirklich seine Absicht ist, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen?« –
Elisens Onkel, von Hedemann-Heespen, bat sie sogleich zu ihm auf sein Gut zu kommen, und ganz bei ihm zu leben. Zugleich schrieb er ihr bei dieser Gelegenheit aus Deutsch-Nienhof, den 1. März 1825: »Nicht leicht hätte eine traurige Nachricht mir unerwarteter kommen können, als wie die, die Du, meine beste Elisa, mir mitgetheilt hast. Auch nicht die entfernteste Ahnung habe ich von einem solchen Stand der Dinge zwischen Dir und Lützow gehabt. Wie wäre dies auch möglich gewesen, keinem Andern wie Dir selbst, würde ich es geglaubt haben. Noch immer kann ich den Gedanken nicht fassen, und mir als möglich denken. Ein Mann wie Lützow, der über die Jahre der Jugend hinaus ist, der nach allen seinen Aeußerungen ein so richtiges Gefühl von Ehre besitzt, der einen so Zutrauen einflößenden, offnen und biedern Charakter zu haben scheint, ein solcher Mann könnte eine solche unwiderstehliche Leidenschaft für eine Andere fassen, daß er seine Frau, die seine eigne Wahl ist, mit der er bereits vierzehn Jahre glücklich gelebt, die ihm keine Veranlassung zu Mißverhältnissen gegeben, ohne allen andern Grund verstoßen könnte, als um eine Leidenschaft zu befriedigen, der Welt auch solches ärgererregendes Schauspiel, als eine Ehescheidung ist, zu geben. Mit kaltem Blut könnte dieser Mann seine Frau, die er doch früher geliebt, unglücklich machen und wissen? Die ganze Sache ist mir wie ein unglücklicher Traum, von dem mir die Wirklichkeit ganz unmöglich scheint. Was hast Du gute, arme Seele, denn verbrochen, daß das Schicksal Dir so hart mitspielt, daß Du, die Du so viele Erwartungen von der Welt zu hegen berechtigt warst, nun isolirt und verlassen darin stehen sollst? Ich bedaure Dich von ganzem Herzen, meine beste, gute Elisa, und um so mehr, da Du nach Deinem Briefe Lützow noch zu lieben und zu achten scheinst. Hast Du, gute, liebe Seele, Dich nicht übereilt, indem Du ihm zu rasch seine Freiheit angeboten? Hätte ich nur irgend etwas der Art ahnen können, ich zweifle fast nicht, daß es mir geglückt wäre, Lützow hier zu bewegen, so daß alles wenigstens wieder in ein ruhiges Geleise gebracht wäre. Ist denn wirklich alles schon zu spät, und sind die Schritte, die zu Eurer Trennung geschehen, nicht wieder rückgängig zu machen?« –
Auch Lützow's Brüder fühlten sich gedrungen Elisen zu schreiben. Leo von Lützow's Brief aus Berlin, den 23. März 1825, lautet: »Die Nachricht, daß Sie, liebe Elisa, sich von Adolph zu trennen beabsichtigen, hat mich sehr erschüttert, und betrübt mich ernsthaft. Ueber dem Zusammenhang dieses Vorgangs liegt für mich noch ein solcher Schleier, daß ich ihn immer noch nicht zu beurtheilen vermag. Ich habe die Hoffnung gehegt, daß vielleicht augenblickliche Verstimmungen die Veranlassung wären, und daß sich noch alles wieder einrichten würde, und noch jetzt möchte ich diese Hoffnung noch nicht ganz aufgeben. Ich habe mich an Adolph gewendet, und um Aufschluß gebeten, seine Briefe sind voller Achtung und Herzlichkeit für Sie, liebe Elisa, aber ohne mir Klarheit zu gewähren. Ich gestehe, daß das Dunkel, welches über dieser Angelegenheit liegt, die Veranlassung gewesen ist, daß ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben habe, ich glaube es Ihnen aber schuldig zu sein, daß ich Ihnen endlich meinen herzlichen Antheil bezeige, und Sie bitte, von meiner Achtung und treuen Anhänglichkeit überzeugt zu sein. Meine Frau ist mit mir von der ganzen Sache innig ergriffen. Seien Sie überzeugt, daß Bertha und ich, daß wir beide für Sie immer recht wahrhaft freundschaftliche Gesinnungen gehabt haben, vielleicht mehr als Sie hin und wieder geglaubt haben, und seien Sie überzeugt, daß die gegenwärtige, traurige Verwicklung in unseren Gesinnungen nichts ändert. August wollte Ihnen schreiben, vielleicht haben Sie seinen Brief schon bekommen, von Wilhelm werden Sie Briefe gehabt haben. Welchen herzlichen Antheil Minona an dem ganzen Vorgang nimmt, und wie sehr Dohna diesen Antheil theilt, hat sie Ihnen selbst ausgesprochen. Daß Ihre Gesundheit gelitten haben muß, ist sehr natürlich; sehr wünsche ich, daß das herannahende Frühjahr vortheilhaft wirken möge. Ich bitte sehr, daß Sie mir sagen, welche Absichten Sie für die nächste Zukunft haben. Seien Sie überzeugt, daß wir uns sehr freuen werden, wenn Sie vielleicht nach Berlin kommen wollten, und daß wir Sie mit der alten Herzlichkeit aufnehmen werden.« –
August von Lützow schrieb Elisen aus Potsdam, den 27. März, 1825 die folgenden anerkennenden Zeilen: »Es ist mir Bedürfniß wenigstens in wenigen Worten mich über den von Ihnen und meinem Bruder gefaßten entscheidenden Entschluß, der von der ersten Zeit an, wo ich ihn in Erfahrung gebracht, ein sehr häufiger und sehr schmerzlicher Gegenstand meiner Gedanken gewesen ist, gegen Sie auszusprechen, indem bei der großen und gewiß von allen Mitgliedern der Familie anerkannten Schonung und Standhaftigkeit, mit welcher Sie von jeher manche Eigenthümlichkeit meines Bruders ertragen haben, und da Adolph uns ihr Andenken jetzt wiederholentlich auf das lebhafteste anempfohlen hat, meine Anhänglichkeit gegen Sie bei diesem betrübenden Ereigniß unverändert geblieben ist. Erlauben Sie mir daher Ihnen hierdurch meine innige Theilnahme über die Sie betroffenen Fügungen des Himmels zu bezeugen, und Sie zu ersuchen, mich ferner mit Ihrer Freundschaft beglücken zu wollen. – Höchst glücklich würde es mich machen, wenn ich je Gelegenheit haben sollte, Ihnen meinerseits Beweise der fortdauernden hohen Achtung, welche ich sowohl, als alle meine Geschwister stets für Sie hegen werden, geben zu können, und bitte ich Sie inständigst, es nicht zu verabsäumen, wenn Sie Ihrerseits dazu auf irgend eine Weise jemals Veranlassung geben können. – Mir von Ihrem ferneren Ergehen Nachricht zu verschaffen, werde ich gewiß jede Gelegenheit benutzen. Zum großen Trost würde es gewiß allen Mitgliedern der Familie gereichen, wenn Sie darüber von Zeit zu Zeit etwas an einen von uns Geschwistern mittheilen wollten, in so fern Sie sich nicht eben entschließen sollten, uns in der Nähe Ihren Wohnsitz aufzuschlagen, was uns gewiß allen sehr angenehm sein würde. – Ich sage Ihnen herzlich lebe wohl. Die Erinnerung an so viele Gegenstände der Vergangenheit und die Zukunft erregt mich in diesem Augenblicke zu lebhaft, als daß ich Ihnen mehr sagen könnte. Meine Frau, welche meine Gefühle ganz theilt, empfiehlt sich Ihnen auf das herzlichste.« –
Während die geschiedene Frau so von allen Seiten Beweise der Zuneigung und Achtung erhielt, bat Lützow Elisen ihn mit ihren Verwandten in gutem Einvernehmen zu erhalten. Als ihr Vetter August von Hedemann, der nachherige General, ihm nicht geantwortet hatte, schrieb Lützow Elisen aus Münster, den 31. März 1825: »August Hedemann hat mir nicht geantwortet; ich will mich nicht entschuldigen, ich thue es bei mir selbst nicht, ich bin nicht ganz schlecht – aber ein Mensch, und es ist unser Schicksal, daß die verschiedensten Gefühle uns peinigen. Ich erbitte mir von Deiner Güte seine Freundschaft zurück. – Ewig werde ich Deinen Werth fühlen, achtend anerkennen, kein Mißton regt sich in mir, nur die herzlichste Theilnahme, die unwandelbarste Freundschaft.« – Unterdessen fuhr Lützow fort, Elisens Geschäfte weiter zu führen, und zum Weihnachten und den Geburtstagen schickten sie sich regelmäßig einander Geschenke.
Im Laufe des Sommers reiste Elisa, um sich etwas zu erholen, da ihre Gesundheit sehr gelitten hatte, mit Fanny Harward, und einer befreundeten Familie von Dresden nach Ems und Schlangenbad. Wieder eine Badereise mit der Jugendfreundin, aber siebzehn Jahre lagen dazwischen, damals war sie voll froher Hoffnung, jetzt resignirt und freudlos! –
In diese Zeit fällt ein Brief von Elisens Onkel Hedemann-Heespen aus Deutsch-Nienhof, den 4. August 1825, in dem es heißt: »Von Lützow weiß ich nichts; wie Du weißt, habe ich ihm auf seine mir gemachte kurze Anzeige geantwortet; nachdem hat er nicht wieder geschrieben. – Seid Ihr denn nun förmlich geschieden? und hat Lützow schon Schritte zu einer neuen Verbindung gemacht? Wäre das erstere, so wünschte ich für Dich das letztere, und daß es ihm damit glücken möchte, damit jeder die wahre Veranlassung erführe, und es nicht länger in der Willkür eines Jeden liegt, eine Auslegung zu machen wie er will. Ein kluger General sondirt doch wohl vorher das Terrain, auf dem er seinen Angriff zu machen gedenkt, bevor er Schritte unternimmt, die nachher nicht zurück geschehen können; man sollte daher von ihm glauben, daß dieses von ihm schon längst geschehen sei, er seines Sieges gewiß war, bevor er die Scheidung veranlaßte. Daß er für Dich nach besten Kräften sorgt, ist seine Pflicht, und das Wenigste, was er für Dich thun muß. Thäte er auch dieses nicht mal, so würde er alle Achtung in den Augen jedes redlich Denkenden verlieren.« –