Während dem war schon den 22. April 1825 die Publikation des Scheidungserkenntnisses erfolgt, dessen Gründe lauteten: »Obgleich diese Ehe anfänglich glücklich war, so ward doch der eheliche Friede späterhin durch verschiedene Ansicht von der Welt und dem menschlichen Leben gestört. – Keinem Theil ist ein Uebergewicht der Schuld beizulegen. Beiden Theilen ist die Wiederverheirathung in unverbotenen Graden gestattet.« –
Die Freunde bedauerten, daß Elisa aus zarter Schonung gegen Lützow den Wenigsten die Ursache ihrer Scheidung mittheilte, und durften mit Recht fürchten, daß Fremde sie sich anders auslegen möchten. »Wäre es doch erst klar,« schrieb Adele von A. aus Keimkallen den 30. November 1825, »weßhalb dieser Schritt geschehen; ich wollte viel darum geben, wenn alle Welt es wissen könnte, weshalb es so gekommen.« –
Elisa war lange unentschlossen, welchen Wohnort sie wählen solle; es war ihr alles gleichgültig, sie wünschte nur Ruhe und Stille. Nach beendigter Badereise, ging sie endlich nach Magdeburg, mit der Absicht, sich dort in der Nähe der Stadt ein kleines Landhaus zu kaufen. Immermann begrüßte die geliebte Freundin, die ihm nun unter so ganz andern Verhältnissen gegenüberstand, mit tausend Freuden; er machte sie mit seiner Mutter und seinen Brüdern bekannt, die sich ihr freundlich anschlossen. Außer diesen wollte sie aber niemanden sehen; niemand kannte sie dort, die Wenigsten wußten wer die verschleierte Dame sei, die man nur flüchtig auf der Straße gesehen hatte. Sie machte mit Immermann im Herbst in den schönen Octobertagen noch einen Ausflug nach dem Harz, und bezog, nach Magdeburg zurückgekehrt, da der Ankauf eines Landhauses noch nicht erfolgt war, einstweilen eine Wohnung in der Stadt.
In jener Zeit ließ Elisa ein junges Mädchen aus Hamburg zu sich kommen, die sie sich zur Gesellschafterin erwählt, und wie eine Pflegetochter behandelte. Dieses Mädchen war eben erwachsen, und trotz großer Verschiedenheit wollte man doch in ihren Gesichtszügen manche Aehnlichkeit mit denjenigen Elisens erkennen. Wer war sie? Wo kam sie her? War da nicht ein geheimnißvoller Zusammenhang? so fragte man neugierig, selbst im Kreise der Bekannten. Wie viele Mährchen wurden da nicht ersonnen, und bald flüsterte man sich zu, daß man hier wahrscheinlich eine natürliche Tochter der Frau Generalin von Lützow vor sich habe, die vielleicht gar den Anlaß zu der Scheidung von ihrem Gemahl gegeben! – Wie falsch dies war, zeigt unter anderem eine Briefstelle Lützow's, in welcher er erwähnt, sie habe sich des jungen Mädchens »so großmüthig angenommen,« und dann hinzufügt: »Wie bleibst Du Dir doch immer gleich, selbst hülflos, findest Du einen Trost, Andern beizustehn!« –
Der Zusammenhang war folgender: Elisens Vater hatte mit einer Schwester von Marianne Philipi, welche auf dem Trannkijörschlosse eine Stelle als Wirthschafterin vertrat, ein Liebesverhältniß gehabt; sie gebar eine Tochter, und Elisa war gleich so großmüthig gewesen, ihrer würdigen Erzieherin zu versprechen, daß sie sich dieses Kindes, dieser Tochter ihres Vaters, annehmen wolle. Man ertheilte ihr die sorgsamste Erziehung, und als sie herangewachsen, nahm Elisa sie in ihre Nähe. Sie äußerte sich nie über die Herkunft des Mädchens, und ließ sich lieber falsch beurtheilen, als daß sie andre angeklagt hätte.
Die belebende Nähe Immermann's war dasjenige, was Elisens einsamem Leben in Magdeburg den meisten Reiz darbot; sie war es wieder, die ihn zum Schaffen anregte, und an allem Antheil nahm, was er dichtete. In jener Zeit vollendete er die Uebersetzung von »Ivanhoe«, von der in den mitgetheilten Briefen die Rede ist, dichtete »Cardenio und Celinde«, und schrieb die Abhandlung über den »rasenden Ajax« des Sophokles. Immermann hat später im dritten Bande der »Epigonen« Elisen in folgender Stelle geschildert, so wie sie ihm damals erschien: »Es giebt nichts Erquickenderes, als den Anblick einer großen, vornehmen Seele, welche das Unglück als etwas ihr Gehöriges, als das ihr von den oberen Mächten verliehene Eigenthum nimmt und hinnimmt, während kleine Gemüther sich gegen dieses Erbtheil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren. Johanna war ruhig, selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht, daß ihr Loos ihr für immer zerstört zu sein scheine, aber, setzte sie hinzu, wie unendlich wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandstätte überschaue, als damals, wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kämpfte! – Ueber die Geheimnisse ihrer unglücklichen Ehe, über Medon's Charakter, und die plötzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen. Einmal hatte Hermann versucht, von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen über diese Dinge aufzuschließen, war aber mit den Worten, daß man von unheilbaren Schäden nicht reden müsse, zurückgewiesen worden. Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehüllt, und er brachte von denselben nur in Erfahrung, was die Gerüchte aus der Hauptstadt meldeten.« –
Während Elisa ihrer Schwermuth nachhing, verlebte auch Lützow in Münster keine frohen Tage. Die junge Dame, deren Gunst er so sicher zu sein glaubte, lehnte seine Hand ab; auch seine Leidenschaft verrauschte dadurch schnell, und nun in der Ferne Elisens Werth doppelt empfindend, beklagte er um so tiefer das Unglück, welches er über sie und sich selbst gebracht hatte. Trösten und aufrichten konnte ihn nur Elisens Freundschaft, und die bewahrte sie ihm auch getreulich aus aufrichtigem Herzen. Im Anfang des Jahres 1827 starben schnell hintereinander seine beiden Brüder August und Wilhelm; auch diesen Kummer theilte Elisa mit ihm, die ganz davon ergriffen war.
Immermann wünschte feurig, sich mit Elisen zu verbinden, aber diese konnte sich zu einer zweiten Ehe nicht entschließen. Wohl war sie dem Freunde von Herzen zugethan, der betheuerte, nicht ohne sie leben zu können, wohl war sie von seiner heißen Liebe ergriffen, aber sie hatte nun schon so viel Unglück erlebt, und konnte sich der bangen Vorstellung nicht erwehren, daß seine jetzt so heftige Zuneigung nicht immer die gleiche bleiben würde. Die sechs Jahre, welche sie älter war, als er, schienen hierbei am wenigsten in Betracht kommen zu können, da Schönheit, Geist und Liebenswürdigkeit dies wohl auszugleichen vermochten, aber Elisen flößte diese Ungleichheit Bedenken ein, und dann – war es eine Ahnung, war es eine richtige Kenntniß seines Charakters – sie fürchtete, ihm einstmals eine Fessel werden zu können, und war von ihrer Verneinung nicht abzubringen. Hätte sie diese Scheu, der so edle Ursachen zu Grunde lagen, überwunden, mehr an sich, als an den Freund gedacht, ihr Schicksal hätte wahrscheinlich eine glücklichere Wendung genommen! –
Als Immermann in jener Zeit grade die Ankündigung seiner Versetzung als Landgerichtsrath nach Düsseldorf erhielt, bestürmte er Elisen mit neuen Bitten. Da verhieß sie ihm dann endlich, ihm nach Düsseldorf zu folgen; heirathen wollte sie ihn nicht, dagegen gaben sie sich aber gegenseitig das Gelöbniß, daß keiner von ihnen je eine andre Heirath eingehen würde; dies war die Bedingung, die Elisa stellte, und die Immermann, da sie einmal die Seine zu werden verweigerte, mit Freuden einging. Elisens Nähe war ihm mehr werth, als jede andere Verbindung; durfte er sie nicht zu seiner Gattin machen, so war er doch halb getröstet in dem Gedanken, sie als seine Freundin, seine Gefährtin, seine Muse, an sich zu fesseln.
Elisens ideale Ansprüche an das Leben waren durch diesen Entschluß ganz befriedigt, sie wurde ruhiger, nachdem sie ihn gefaßt hatte. Sie war mehr phantastisch, als leidenschaftlich, sie dachte es sich schön, einem begabten Dichter in solcher Art sein Dasein zu versüßen, mit zarter Sorgfalt und antheilvollem Geiste, und nur für ihn zu leben. Wie dachten sie sich zu erheben über alles Niedere und Gemeine, aus ihrer Umgebung alles Widrige und Gewöhnliche zu verbannen, und nur in der Natur, in Kunst und Poesie, und in der Freundschaft ihre Befriedigung zu suchen! War es nicht eine würdige Bestimmung, die Leonore eines Tasso zu werden? – Ein neuer Sonnenschein verschönte Elisens Tage, ihre Züge verklärten sich in froher Hoffnung, ein neues Lebensglück schien sich ihr reizend aufzuschließen. – Die Welt, und was die urtheilen würde, kam ihr hiebei durchaus nicht in Betracht; diejenigen, welche nicht fähig waren, eine solche Freundschaft zu verstehen, konnten ihr gleichgültig sein, und von ihren Freunden durfte sie gewiß sein, daß sie von ihr nur Edles und Schönes voraussetzten. Da war auch nicht Einer, den ein so ungewöhnliches Verhältniß irre gemacht hätte! Der würdige Consistorialrath Möller, die streng sittliche Henriette Paalzow, alle Freunde und Freundinnen ohne Ausnahme bewahrten Elisen unverändert ihre Verehrung und Liebe. Auch benahm sie sich so zart, so sicher, und so tactvoll, daß Alle sie bewundern mußten.