Immermann ging im Anfang des Jahres 1827 an seinen neuen Bestimmungsort ab; Elisa reiste in Begleitung ihrer Pflegetochter nach Ems, und folgte ihm dann mit dieser nach, die noch mehrere Jahre bei ihr blieb, und sich später verheirathete.


Es war im August 1827, daß Elisa in Düsseldorf anlangte. Ein Landhaus, das sie mit Immermann in dem freundlichen Dorfe Derendorf bezog, schien ganz dazu geeignet, das stille Asyl eines Dichters zu sein. Ein großer Garten, der es umgab, wurde von Elisen anmuthig angepflanzt; bald entfalteten eine Fülle von Rosen darin ihre Pracht, alle Beete waren damit eingefaßt, und am schönsten blühten sie unter des Dichters Fenstern. Zwei Büsten, Plato und Aristoteles darstellend, schimmerten durch die schattigen Gebüsche. Eine hohe Weißdornhecke, die Immermann später in einer Liebesscene seines »Merlin« verewigt hat, erglänzte in duftigen Blüthen. In zwei aneinanderstoßenden Zimmern, die durch seine Bibliothek und Münzsammlung angefüllt, und durch Gemälde, Kupferstiche, Statüetten und mancherlei Zierrathe geschmackvoll ausgeschmückt waren, und deren harmonische Anordnung eine Frauenhand verrieth, überließ sich Immermann seinen Arbeiten. Seine Erholungsstunden brachte er in den Räumen der Freundin zu, bei der er immer Anregung und Erfrischung fand.

Düsseldorf hatte damals grade plötzlich einen frischen Aufschwung genommen, den uns Immermann selbst in seinen »Düsseldorfer Anfängen« im dritten Band der »Memorabilien« so vortrefflich geschildert hat. Wilhelm von Schadow war Ende 1826 eingetroffen, und hatte die Stelle von Cornelius an der Akademie übernommen. Mit ihm waren Lessing, Hildebrandt, Sohn, Mücke und Hübener angelangt. Bendemann und Schirmer folgten bald darauf. Eine neue Kunstepoche blühte unter Schadow's Leitung schnell empor. »Gemälde waren etwas Neues geworden,« sagt Immermann in den »Düsseldorfer Anfängen«, »da die Baiern schon zwanzig Jahre früher die Galerie entführt hatten; die inhaltreiche Conversation des Künstlers, der Menschen, Werke, Welt gesehen hatte, war auch etwas Neues. All dieses Neue erhielt einen pikanten Zusatz durch die Figuren der jungen hübschen, bescheidenen Künstler, welche bloße Hälse und lange Bärte trugen, und von denen der Meister mit Sicherheit den späteren Ruhm vorhersagte.«

Immermann fühlte sich wohl in diesem heiteren Kreis, »dessen Arbeit auf die Schönheit ging«; er nahm Theil an der angenehmen Gesellschaft, die sich in dem Schadow'schen Hause vereinigte. Er hatte eben »Andreas Hofer« vollendet, und wurde bald zu neuem Schaffen angeregt; er schrieb 1828 das Trauerspiel: »Kaiser Friedrich der Zweite,« die Lustspiele: »Die Verkleidungen,« und: »Die schelmische Gräfin,« 1829: »Die Schule der Frommen,« ließ eine neue Folge der »Gedichte« erscheinen und einen Band »Miscellen.« 1830 schrieb er sein »Tulifäntchen,« dieses scherzhafte Heldengedicht, das Heine einen »epischen Kolibri« genannt, dichtete die Trilogie »Alexis,« und den phantastischen, tiefsinnigen »Merlin,« und arbeitete an den »Epigonen.«

Unterdessen wurde der Kunstverein gegründet, Lessing malte sein Königspaar, Bendemann die Ebräer im Exil, Sohn den Hylas, Hübener den Roland, Hildebrandt Judith und Holofernes, Schirmer malte Landschaften, es war ein reges Leben, das Immermann ein zweites Studentenleben nannte, »aber kein rüdes, sondern ein phantasievolles.«

Mit Schadow trat Immermann in lebhafte Beziehung; trotz der großen Verschiedenheit ihrer Naturen zog ihn sein unläugbarer Künstlergeist an, und wenn auch Schadow's eifriger Katholizismus später das Verhältniß erkalten machte, so hörte Immermann doch nie auf, ihn zu schätzen, und seine seltenen Verdienste zu würdigen. Wie sehr dies der Fall war, beweist folgende Stelle in den viel später geschriebenen »Düsseldorfer Anfängen.« – »Wir haben hier Großes werden sehen. Ein Mann kommt vor dreizehn Jahren daher, gefolgt von fünf Schülern, die recht hübsche Sachen gemacht haben, doch aber noch völlig unfertig sind. Er betritt ein fremdes Terrain, ohne mächtige Verbindungen zu haben, er muß sich alles erst selbst schaffen. Sein Gouvernement unterstützt ihn wohl, jedoch nur mäßig; keines Königes mächtiger Arm hält ihn, stellt ihm die geniusentflammenden Aufgaben. Einen Namen bringt er mit, genannt allerdings in der Kunstwelt, keineswegs aber mit der Glorie allgemeiner Berühmtheit. Und nach dreizehn Jahren steht er an der Spitze einer Anstalt, worin die Hunderte nun fast statt der ursprünglichen Einheiten zählen. Die Räume sind zu eng für den Andrang, der Ruf der Anstalt geht durch Europa, und zieht die Lehrlinge aus allen Landen, bis zum hohen Norden hinauf, herbei. Die Werke der Schule zieren Königs- und Kaiserpaläste, die Erben großer Reiche besuchen den Chef, und treten zum Theil unter sein Dach. Der Kunstverein, der doch auch ohne ihn nicht entstanden wäre, hat jährlich zwanzigtausend Thaler zu verwenden. Die Schule sandte Kolonien aus nach Dresden und Frankfurt. Was aber noch mehr: das Haupt wurde längst von den Gliedern überflügelt, und dennoch lösen sich viele der edelsten Glieder nicht ab, wohl wissend, daß der Zusammenhang, wie er war, ihnen auch noch jetzt fromme.« –

Noch andere Gestalten traten in diesen Kreis; Friedrich von Uechtritz, der liebenswürdige Dichter der Trauerspiele: »Alexander und Darius,« und »Rosamunde,« der bald mit Immermann dessen literarische Interessen theilte, und zugleich sich mit den Malern befreundete, denen besonders seine Geschichtskenntnisse werthvoll und anregend waren; Schnaase schloß sich an als Kunstforscher und sinniger Kunstbetrachter, dessen Wissen und combinatorischen Scharfsinn Immermann rühmend anerkannte.

Elisa wollte sich anfänglich von aller Geselligkeit fern halten, aber der frische Strom all dieses Wirkens und Genießens drang doch bis in ihre idyllische grüne Einsamkeit zu Derendorf, vielfach wünschte man in ihre Nähe zu gelangen, und oft vereinigte sich Abends in ihren Räumen ein auserlesener Kreis näherer Freunde: der Maler Hildebrandt, Uechtritz, Schnaase, die Dichterin Elisabeth Grube, und manche Andere. Von der letzteren sei hier ein Gedicht aus ihrem »Liederkranz« mitgetheilt, welches Elisen und Immermann anmuthig schildert:

Der Baum.