Bei Elisen, im traulichen Freundeskreise, fühlte sich Immermann stets am wohlsten, und entfaltete voll froher Laune und heitren Geistes seine ganze Liebenswürdigkeit. Er war befriedigt wie nie zuvor, und gewiß wird jene Zeit, die er in täglichem, beglückendem Verkehr mit der angebeteten Freundin, in Ruhe und Stille dem dichterischen Schaffen hingegeben, und von neuen Kunstanschauungen und belebendem Verkehr getragen, in Derendorf zubrachte, die glänzendste seines Lebens genannt werden müssen. Alle Prosa, über die er so oft in Magdeburg geklagt, war plötzlich verschwunden, er lebte in Wahrheit ein Dichterleben! – Wenn ihn die Kritik mitunter verstimmte, die ihm nicht immer die gewünschte Anerkennung gewährte, wenn ihn der Angriff von Platen ärgerte, den er seinerseits erwiederte, so wußte ihn Elisa doch immer zu erheitern. Nun sollte noch eine neue Wirksamkeit für ihn hinzukommen, die ihn ganz in Beschlag nahm; das Theater.
Die halböffentlichen Vorlesungen dramatischer Werke, die er zwei Winter hintereinander vor einer großen Versammlung hielt, und die förmlich in Düsseldorf Mode geworden waren, bildeten dazu eine Art Uebergang. Die Kunst des Vorlesens, in der zuerst Tieck sich auszeichnete, und in der ihm bald Holtei und Andere nachstrebten, diese Kunst, welche Immermann schon in Münster in Elisens Abendgesellschaften so gern geübt, bildete er nun noch weiter aus. Die befreundeten Maler hatten ihm ein Atelier eingeräumt, das man bemüht war, möglichst würdig für die elegante Welt einzurichten und zu erleuchten, dessen eigentliche Bestimmung aber doch lustig zu Tage kam, durch die Zeichnungen, Cartons und Farbenskizzen, welche die Wände bedeckten, und das gute Einvernehmen anzeigten, in dem hier verschiedene Künste neben einander gingen. Iphigenie, Blaubart, Wallenstein, König Johann, Romeo und Julia, das Leben ein Traum, der standhafte Prinz, das Däumchen, Hamlet, der Prinz von Homburg, der gestiefelte Kater, König Oedipus, und Oedipus in Kolonos wurden dort von Immermann vorgetragen, mit Kraft der Stimme, mit Feuer des Ausdrucks, mit mimischem Talent.
Bald entstand dadurch das Verlangen in ihm, nun auch dergleichen auf der Bühne vorstellen zu lassen, in Wirklichkeit zu sehen, was hier nur in idealen Umrissen sichtbar war. Es wurde ein Theaterverein gestiftet, und mit einer Reihe von Mustervorstellungen Versuche gemacht, die Immermann, unterstützt von seinen Freunden, der Düsseldorfer Schauspielergesellschaft einstudierte. Das neugebaute, hübsche Theater kam ihnen hiebei vortrefflich zu statten; fremde Künstler wurden aus der Ferne dazu herangezogen, Seydelmann kam um den »Nathan« zu spielen, Weymar nahm an der »Braut von Messina« und dem »Andreas Hofer« Theil. Uechtritz leitete die Proben von »Stille Wasser sind tief,« und war thätig mit Rath und Hülfe; Felix Mendelssohn nahm sich der beiden Opern »Don Juan« und »der Wasserträger« an; das meiste leitete Immermann selbst.
Schadow hatte ihm eine abgelegene, klösterliche Zelle auf der Akademie zu den Leseproben abgetreten. »Unter den Fenstern rauschte der Rhein, die weißen Wände röthete die Frühlingssonne. Bei dem Klange der Wellen, in dem rosigen Schein wurden da Sylben gemessen, Accente festgestellt, die Schattirungen der Rede ausgearbeitet,« sagt Immermann davon in den »Düsseldorfer Anfängen.« Zu der Vorstellung des »standhaften Prinzen« entwarf Schirmer die Ansicht von Fez, Hildebrandt stellte die Ausschiffungs- und Kriegsgruppen, Felix Mendelssohn componirte die Musik, zwei herrliche Sclavenchöre, und zur Erscheinung des Geistes einen ganz eigenthümlichen Marsch, der »wie aufgelöste katholische Kirchenhymnen« klang. So reichten sich alle Talente freundschaftlich die Hände zu einem schönen Ganzen. Der Erfolg war überraschend.
Man ging nun weiter; eine bedeutende Summe wurde durch Actien gedeckt, Immermann erhielt auf ein Jahr Urlaub, um sich ganz der Leitung des Theaters widmen zu können. So erstand eine Bühne, die nach edlen Idealen strebte, die poetischen Schöpfungen in ihrer wahren Höhe und Schönheit darzustellen suchte, ohne sie herabzuziehen in die gewöhnliche Bretterwelt. Es war kein geringer Regisseur oder unwissender Cavalier, sondern ein Dichter, der sich in den Geist der darzustellenden Werke versenkte, und ihn voll Begeisterung zur Erscheinung zu bringen sich bemühte. Es war wieder Elisens feiner Hauch, welcher diese Bestrebungen beseelte, denn von ihr empfing ja Immermann die Anregung zum Schaffen und Wirken, an sie und ihren Beifall dachte er dabei unablässig, und so wie die Lützow'sche Freischaar nie geworden wäre, was sie war, ohne Elisen, so ist es auch mit jenen Düsseldorfer Bühnenversuchen, die sich eine Veredlung der Schauspielkunst zum Ziel gewählt hatten, und ohne Elisen niemals einen so hohen Flug genommen hätten, der bei verhältnißmäßig so beschränkten Mitteln doppelt staunenswerth war. Elisa verlangte nie hervorzutreten, und genannt zu werden; sie besaß nicht die geringste Eitelkeit, und es war im Gegentheil ihre Freude, den Glanz, welcher von ihr ausging, auf Andre zu übertragen. So wirkte sie stets im Stillen, aber ihr Einfluß war immerfort wirksam, und den Vertrauten unverkennbar.
Der beständige Fremdenverkehr brachte fortwährend neue, interessante Persönlichkeiten nach Düsseldorf, von denen manche, angezogen durch die künstlerischen und literarischen Kräfte, die sich dort vereinigten, länger verweilten. Zu diesen gehörte besonders der Dichter Michael Beer, mit dem sich Immermann sehr befreundete, wie auch der zwischen ihnen geführte Briefwechsel beweist, der nach Michael Beer's Tode erschienen ist; dann Wilhelm von Normann, Verfasser des Gedichtes: »Mosaik,« ein liebenswürdiger junger Mann, der lange und innig eine schottische Dame liebte, und bald nachdem er sich endlich, nach vielen Hindernissen mit ihr verbunden hatte, noch nicht dreißig Jahre alt, starb. Ferner Felix Mendelssohn, der berühmte, geniale Componist; mehrmals kam auch der gute, begeisterte Möller zum Besuch, so wie Elisens Freundin Johanna, die sich mit Dieffenbach verheirathet hatte, aber nach kurzem Glücke von ihm geschieden worden war, da ihre leidenschaftliche Eifersucht, zu der er übrigens wohl manchen Anlaß geben mochte, ihm unerträglich wurde. Henriette Paalzow, die sich über ein Jahr in Köln aufhielt, sprach gleichfalls mit ihrem Bruder, dem Maler Wilhelm Wach, in dem freundlichen Derendorf ein.
Wir dürfen auch Dietrich Christian Grabbe nicht vergessen, dieses verwilderte Genie, das Immermann vergeblich strebte, zu sich zu erheben. Grabbe, 1801 zu Detmold geboren, war bekanntlich der Sohn eines Zuchtmeisters, er selbst hatte auf dem Zuchthofe das Licht der Welt erblickt; rings um ihn her waren die Zellen der Verbrecher. Sollte man nicht glauben, jene ersten Eindrücke hätten ihm jene Lust am Gräßlichen und Rohen eingeflößt, die sich in seinen Dichtungen ausspricht? – Grabbe eröffnete die Bekanntschaft mit Immermann dadurch, daß er ihm schrieb: »Ich und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen.« – Immermann forderte ihn sogleich freundlich auf, nach Düsseldorf zu kommen, sorgte für seine häusliche Einrichtung, lud ihn häufig zu sich in größere und kleinere Gesellschaften, führte ihn bei mehreren seiner Bekannten ein, unterstützte ihn mit seinem Rath bei der Tragödie »Hannibal,« die Grabbe unvollendet mitgebracht hatte, und bewies die größte Nachsicht mit seinen Launen und seiner mangelhaften Erziehung. Grabbe seinerseits nahm dagegen den lebhaftesten und eifrigsten Antheil an Immermann's Theaterbestrebungen. Immermann erkannte in Grabbe eine schöpferische Kraft, wenn auch mehr eine Kraft der Häßlichkeit, als der Schönheit, mehr Ungeheuerlichkeit als wahre Größe, mehr Verzerrung als Genialität, wie er denn auch den »Theodor von Gothland« ein »Conzert der Verzweiflung« nannte.
Immermann entwirft in den »Memorabilien« folgendes Bild von Grabbe: »Nichts stimmte in diesem Körper zusammen. Fein und zart – Hände und Füße von solcher Kleinheit, daß sie mir wie unentwickelt vorkamen – regte er sich in eckigten, rohen und ungeschlachten Bewegungen; die Arme wußten nicht, was die Hände thaten, Oberkörper und Füße standen nicht selten im Widerstreite. Diese Contraste erreichten in seinem Gesichte ihren Gipfel. Eine Stirn, hoch, oval, gewölbt, wie ich sie nur in Shakespear's (freilich ganz unhistorischem) Bildnisse von ähnlicher Pracht gesehen habe, darunter große, geisterhaft weite Augenhöhlen und Augen von tiefer, seelenvoller Bläue, eine zierlich gebildete Nase; bis dahin – das dünne, fahle Haar, welches nur einzelne Stellen des Schädels spärlich bedeckte, abgerechnet – Alles schön. Und von da hinunter alles häßlich, verworren, ungereimt! Ein schlaffer Mund, verdrossen über dem Kinn hängend, das Kinn kaum vom Halse sich lösend, der ganze untere Theil des Gesichts überhaupt so scheu zurückkriechend, wie der obere sich frei und stolz hervorbaute.« –
Es muß ein ergötzlicher Anblick gewesen sein, wenn Grabbe zu Immermann zum Besuch kam. Letzterer erzählt davon: »Zuweilen kam er aber auch zu mir, wenn die verdrossenen Füße ihm den Gang nach meiner entlegenen Wohnung erlauben wollten. Da gab es denn den lächerlichsten Anblick. Weil er sich nämlich nie in den Wegen finden lernte, so mußte ihn seine Magd jederzeit zu mir begleiten. Auf diese Weise aber langte das Paar in meinem Garten an: Grabbe mit ernfthaftem Gesichte hinter der Magd unsicher einherschreitend, die Magd aber ihr erröthendes Antlitz halb in der Schürze verborgen, sich schämend, »daß sie einen so großen Herrn bei Tage über die Straße führen müsse.« –
Elisa, an der alles feine Sitte, Anstand und Schönheitssinn war, mußte von der äußeren und inneren Vernachlässigung, und dem wilden und formlosen Wesen des seltsamen Mannes unangenehm berührt werden, nahm sich seiner aber dennoch mit Wohlwollen und Güte an, und zu ihrer Verwunderung über ihn, gesellte sich das Mitleid. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes nahm sie ihn mehrmals in ihrem Wagen zu kleinen Ausflügen in die Umgegend mit, wo er dann mit der übrigen Gesellschaft Berge steigen mußte, was er sonst nie that. Einmal improvisirte er bei Sonnenuntergang, auf einem Berge stehend, so schöne Verse, daß Elisa und ihre Begleitung ganz entzückt davon waren. Gleich darauf benahm er sich aber wieder so cynisch, daß das Entzücken sich in Widerwillen verwandelte. Elisa durfte ihm mit ihrer schönen Hand nicht zu nahe kommen, sonst biß er sie hinein, weil sie »so appetitlich« sei. »Er war wie ein Kind,« sagte sie oft von ihm, »so gut, so unartig, so lenksam, aber auch so schmutzig!« – Grabbe verehrte sie sehr, und fühlte sich geschmeichelt durch die Freundlichkeit einer so vornehmen und edlen Frau. Wenn er sich gegen Karl Ziegler rühmte, Elisa habe ihm täglich lange Briefe geschrieben, wie letzterer in seinem Buche: »Grabbe's Leben und Charakter« mittheilt, so halten wir das für eine Uebertreibung von Grabbe.