Leider war der wunderliche Mann schon zu sehr gesunken, als daß es möglich gewesen wäre, ihn an eine thätige und geregelte Lebensweise zu gewöhnen; er wurde bald selbst seiner eigenen Anstrengungen müde, sich zu erheben, ergab sich dem zu häufigen Genuß geistiger Getränke, und zuletzt verkannte sein mißtrauischer Sinn Immermann's wahre, uneigennützige Freundschaft und Güte. Das Verhältniß war ziemlich erkaltet, als er 1836 nach seiner Vaterstadt Detmold zurückkehrte, wo er den 12. September desselben Jahres, erst fünfunddreißig Jahre alt, starb. –
Werfen wir nun wieder einen Blick zurück, auf Lützow! Dieser, der sich in seine vereinsamte häusliche Lage, welche er selbst herbeigeführt, gar nicht finden konnte, hatte sich plötzlich, im Jahre 1828, entschlossen, die Wittwe seines Bruders Wilhelm zu heirathen. In einem Briefe, der seinen aufgeregten Gemüthszustand ausdrückt, und in dem er sich vor Elisen gewissermaßen zu entschuldigen sucht, zeigt er dieser seinen Schritt an; er lautet: »Meine liebe, beste Elise! Es war mir unmöglich, Dir das zu schreiben, was Schlüsser's Brief ausspricht. Ich fühle, daß ich mich eigentlich zu keinem häuslichen Verhältniß passe – sonst wäre ich gewiß vom Anfange an mit Dir unaussprechlich glücklich gewesen, denn wer könnte mehr wünschen, als ich besaß. – Auguste ist allerdings eine angenehme Frau, indessen mehr noch die Wittwe Wilhelms hat eine Lage der Dinge herbeigeführt, wozu ich den Himmel um seinen Schutz anrufe, denn eine verkehrte Persönlichkeit und ein zerrissenes Gefühl machen mir einen höheren Beistand nöthig und unentbehrlich. – Die Liebe und Freundschaft bis in den Tod zu einem Wesen, was ich unendlich verehre, meine beste Elise, die bleibt sich gleich, nichts kann Dich aus meinem Herzen reißen! – Von Deiner Großmuth erwarte ich auch jetzt Liebe, Freundschaft und Theilnahme. – Deine großherzigen Absichten für Wilhelms Tochter erkenne ich mit Dank. Jedoch Dein Vermögen gehört Deiner Familie. Ein kleines Andenken dereinst für die Kleine, nehme ich in ihrem Namen um so lieber an, da unserem Wilhelm alles so lieb war, was von Dir kam. – Glaubst Du Deiner Familie näher zu treten, wenn Du Deinen Geburtsnamen wieder annimmst, so thue dies, meinem Herzen bleibst Du gleich theuer und nahe. – Aus der Fülle meiner Seele Dein Dich unbeschreiblich liebender Freund Adolph. – Schreibe mir nach Münster; Deine Briefe kommen nicht in fremde Hände, darauf rechne!« –
In einem schnell darauf folgenden Briefe aus Münster, den 19. Juli 1828 schrieb er: »Auguste hat gute und ausgezeichnete Eigenschaften; – das Unglückliche ihrer Lage, eine zärtliche Freundschaft für Wilhelm, haben mein Gefühl aufgeregt, meinen Entschluß schnell erzeugt, und machten, daß ich mich sogleich erklärte; schenke Du mir Nachsicht, der Himmel seinen Segen. Wilhelms Tochter wird Elsbeth genannt, und heißt Elisabeth. – Mich zerreißen die widersprechendsten Empfindungen. Dein Andenken, meine beste Elise, bleibt mit eisernen Ketten an mein Herz gefesselt. Adolph.« –
Es ist bereits in dem ersten dieser Schreiben erwähnt, daß Elisa, als sie von Lützow's zweiter Heirath vernahm, wieder ihren Familiennamen Ahlefeldt anzunehmen wünschte, da sie die etwanige Verwechselung mit jener neuen Frau von Lützow aus manchen Gründen vermeiden wollte; sie wandte sich deßhalb an den König von Dänemark mit dem Ansuchen, sich wieder Gräfin von Ahlefeldt nennen zu dürfen.
Auch Lützow's neue Verbindung konnte die freundschaftliche Beziehung zwischen ihm und Elisen nicht hindern; sie wechselten Briefe nach wie vor in herzlicher Weise. Von Elisens Seite kam bald noch Mitleid für den unglücklichen Freund hinzu, der vergeblich Ruhe und Befriedigung suchte. Er bedurfte theilnehmenden Trostes, und Elisa, die geschiedene Gattin, war die Einzige, die ihm solchen bieten konnte. Keine kleinliche Regung war in ihrer Seele; sie hatte ihm alles vergeben.
Man wird nicht ohne Rührung die folgenden Zeilen lesen können, die er ihr aus Münster, den 25. April 1829 schrieb: »Meine liebe, beste Elise! Ich schreibe Dir gleich nach meinem Eintreffen in Münster, und erwarte so sehnlich eine freundliche Antwort von Dir! Wenn Du mir in's Herz sehen könntest, Du würdest mir diese nicht versagen. Ich bin unaussprechlich unglücklich! – Mit Recht kannst Du sagen, ich habe mich selbst unglücklich gemacht; so richtig dies auch ist, so würdest Du mich entschuldigen, wenn Du von allen Verhältnissen unterrichtet wärest. Es gehe mir wie es wolle, nur den Trost Deiner freundschaftlichen Theilnahme, den laß mir, sonst gehe ich unter! – Könnte ich Dich nur einmal wiedersehen! – Noch einmal bitte ich Dich, beglücke mich recht bald mit einigen theilnehmenden Zeilen. – Von ganzem Herzen, selbst wenn ich es nicht wollte, dennoch, ich fühl's, bis an das Ende meines Lebens, Dein Freund Lützow.« –
Das Verlangen, Elisen wiederzusehen, von welcher er sich in einer nur so kurz dauernden Verblendung getrennt hatte, wurde so mächtig in ihm, daß er ihm nicht länger widerstehen konnte, und so schrieb er ihr aus Münster, den 6. Mai 1829: »Meine liebe, beste Elise! Sei mein Verhältniß wie es wolle, ich muß Dich sehen, von Dir Trost und Leben erhalten! – Ich reise von Paderborn mit der Schnellpost nach Düsseldorf, kann von hier nicht wohl ganz genau bestimmen, wann ich ankomme, gegen den 16. oder 17. kannst Du mich erwarten. Du wirst doch nicht so unmenschlich sein, mich abzuweisen? Das wäre schrecklich! – In der Erwartung des hohen Glücks Dich wiederzusehn, von ganzem Herzen der Deinige, Adolph.« –
Er reiste nun wirklich nach Düsseldorf, und mit tiefer Bewegung sahen sich die ehemaligen Gatten wieder. Lützow konnte sich kaum fassen, beklagte tausendmal, die theure Frau durch seine eigene Schuld auf ewig verloren zu haben, und vertraute ihrem treuen Antheil all den Kummer und all das Leid, die ihn drückten. Wie sehr dies Wiedersehn ihm wohlgethan, zeigen die folgenden Worte, die er ihr nach seiner Rückkehr, aus Münster, den 31. Mai 1829 schrieb: »Für mich werden dereinst die Thränen reden, die ich bei Deinem Andenken weine, wenn ich die Schuld verantworten soll, die ich gegen Dich begangen. – Du bist zu großmüthig, zu gütig, und so darf ich denn überzeugt sein, Du verzeihst mir, und läßt mir den Trost Deiner Freundschaft, wie ich bis in den Tod der Deinige bin. – Wie bereitwillig bist Du nicht stets, um Andern nützlich zu sein, das Glück Anderer liegt Dir stets am meisten am Herzen, an Dich denkst Du zuletzt; möchte Dir doch vergolten werden!« –
Ueber seine Versetzung nach Torgau schrieb er ihr aus Münster den 8. April 1830: »Du wirst vielleicht schon erfahren haben, daß ich Brigade-Kommandeur in Torgau geworden bin. – Seitdem Du nicht mehr in Münster bist, habe ich mich immer so sehr von hier weggewünscht, um Erinnerungen los zu werden, die mein Herz zerreißen!« –
Seine Abreise an den neuen Bestimmungsort meldete er ihr in einem Briefe aus Münster, den 15. April 1830, der nichts enthielt, als die Worte: »Meine beste Elise! Morgen verlasse ich Münster, wo ich das Glück meines Lebens eingebüßt habe. – Wenn es Dir nur gut geht, so mag der Himmel über mir zusammenschlagen. Mit den tiefsten Gefühlen, der Deinige, Adolph«. – Wie viel gepreßter Schmerz in diesem Ausruf! – Elisens Antworten las er nie ohne Thränen der Wehmuth, und wenn sie einmal etwas länger mit dem Schreiben zögerte, klagte er immer auf's Neue, es sei ihm so bange um's Herz.