Er wohnte, da seine Frau in Dresden lebte, und er dadurch wieder ganz allein war, die letzte Zeit im Thiergarten beim Hofjäger, wo er ein einzelnes Zimmer seiner früheren Wohnung gemiethet hatte. Er war den Abend, über Unwohlsein klagend, nach Hause gekommen, und den andern Morgen fand ihn sein Diener todt im Bette. Seine Gesichtszüge sahen so ruhig aus, als wenn er schliefe. Auf einem Tische neben ihm lagen einige Bände Shakespear, Tasso, Faust und Wallenstein, Werke, die ihm nur als Erinnerung an Elisen lieb sein konnten, da er sonst an solcher Lectüre keinen Geschmack fand.

Elisa war tief erschüttert von der Nachricht, welche die treue Johanna Dieffenbach sogleich an Immermann schrieb, damit dieser sie in schonender Weise der Freundin mittheile. Allgemein wurde der tapfre und ruhmreiche Freischaarenführer betrauert, der durch seine Unerschrockenheit und Biederkeit, durch seine Gutmüthigkeit und Offenheit viele Freunde besaß, und von der ganzen preußischen Armee hochgeachtet wurde. Für die Handlungen, zu denen ihn Leidenschaft und Charakterschwäche verleitet, hatte er bitter gebüßt durch tiefe Reue, und wenn er selbst sich auch sein Unglück zugezogen, so mußte man ihn doch herzlich darum bedauern. Er wurde vor der Zeit alt. Seine zweite Heirath war es vor allem, die ihm viel Kummer bereitete, nun kam noch seine leidende Gesundheit dazu, und die kränkende Zurücksetzung, die er, der sich um das Vaterland so sehr verdient gemacht hatte, erfahren mußte. – Sein Andenken wird fortleben in der Geschichte, wenn diejenigen, die ihn in den Schatten zu stellen suchten, längst vergessen sind.

Wir müssen verschiedene Reisen erwähnen, welche Elisa während ihres Aufenthalts in Düsseldorf machte, theils begleitet von Immermann, theils allein. Die schönen Rheingegenden forderten zu manchen romantischen Ausflügen auf; in Dresden wurde Tieck besucht, dessen Kreis vielfach Anregung bot, und der mit Immermann das Interesse für die Bühne theilte. Als Immermann 1831 jene Reise machte, die er in seinem gedruckten »Reisejournal« geschildert, schrieb er alle jene darin enthaltenen Briefe an die in Derendorf zurückgebliebene Elisa; sie legen in manchen kleinen Zügen dar, wie auch in der Ferne sich alle seine Gedanken zu der Freundin richteten, wie er nichts genoß und nichts erlebte, was er nicht mit ihr zu theilen verlangte. Im Jahre 1834 unternahmen er und Elisa eine gemeinschaftliche Reise nach Holland, auf der die Malerin Karoline Lauska sie begleitete. Sie gingen über Nymwegen, Rotterdam, Delft, den Haag, nach Scheveningen. Hier hatte Elisa die Freude nach langen, langen Jahren wieder einmal das Meer zu erblicken, das Meer, bei dessen majestätischem Anblick, bei dessen geheimnißvollem Wogen und Brausen sie ihre Kindheit und ihre Mädchenjahre verlebt, und manche goldene Jugendträume geträumt. Froh schlug ihr Herz, als sie am frühen Morgen am Strand von Scheveningen entlang gingen, und ihnen die grünlich silberne Fluth entgegenschäumte; sie jubelte vor Entzücken, sie athmete mit Wonne eine Luft, die sie an die Heimath erinnerte. Ihr scharfes Auge entdeckte zuerst die mächtigen Segelschiffe, die am Saume des Horizonts wie ferne Nebelgestalten grau und geisterhaft erschienen, und die Elisa wie Freunde begrüßte. Die Wellen hatten die zierlichsten Schaumlinien auf dem Strande zurückgelassen, und das Meer warf phantastische grüne Schilfkränze und die leuchtendsten Muscheln und Schneckenhäuser zu Elisens Füßen, wie wenn es ihr, der Tochter des Meeres, damit Geschenke darreichen wollte. Alle diese Schätze wurden als Andenken gesammelt.

Sie gingen weiter über Harlem nach Amsterdam. Als sie an dem letzteren Orte nach Frascati kamen, einem Wirthshaussaal, den man ihnen sehr empfohlen hatte, trafen sie dort in dem hellen Raume ein paar hundert Menschen, welche rauchten und tranken. Sie fanden an einem Tisch in einer Ecke mühsam Platz, und Immermann, mit seinem Sinn und Auge für das Charakteristische ergötzte sich die vielen seltsamen Gruppen ringsumher zu betrachten. Da waren viele Nordholländer und Nordholländerinnen, die letzteren an Kopf, Hals und Nacken mit Goldplatten und Brillanten bedeckt, übrigens in bäuerlicher Tracht. Ihre Begleiter saßen, die Hüte auf dem Kopf, neben ihnen, sahen starr vor sich hin, bliesen den Rauch aus den Thonpfeifen, und gaben keinen Laut von sich. Das Ganze sah aus wie ein gemaltes Bild. Immermann entdeckte hier mit Vergnügen so komische Originale, wie er sie später in seinem »Münchhausen« geschildert, aber Elisa, die stets den größten Widerwillen gegen Wirthshausluft und Tabacksqualm gehabt, wurde es plötzlich so unheimlich dort, daß sie mit Einemmale, ohne sichtbares Motiv sich voll Entsetzen erhob, und mit einem Ausdrucke des Grauens erklärte, daß sie es hier unmöglich länger aushalten könne. Von ihren Gefährten gefolgt, verließ sie eilig den Saal. –

Wie Immermann im Museum zu Amsterdam ein Gemälde von Gerhard Dow, welches man, um es besser zu schützen, unter Glas gebracht hatte, anfaßte, um es in helleres Licht zu bringen, schoß ein langer, wunderlicher Galeriediener wüthend auf ihn zu und rief mit giftigem Blicke: die Schildereien wären zum Bekeeken und nicht zum Anfassen da! Dieser komische Auftritt blieb Elisens lustigste Reiseerinnerung aus Holland. – Ueber Utrecht und Arnheim kehrten sie nach Düsseldorf zurück. –

Immermann dichtete nichts, das er nicht zuerst Elisen vorlas, und ihrem Urtheil unterwarf. So sehr sie sein Talent liebte und anerkannte, so war sie doch keinesweges eine blinde Bewundrerin seiner Werke; weit entfernt, wie so viele Frauen, die den Schriftstellern, welche ihnen nahe stehen, durch ein maßloses Lob, welches größtentheils aus Beschränktheit und Mangel an Geist entsteht, mehr schaden als nützen, sprach sie immer ihre offene Meinung gegen ihn aus, mochte sie nun von der seinigen abweichend oder zustimmend sein. Als sie einmal an seinem »Alexis« etwas tadelte, brach der empfindliche Dichter in den klagenden Ausruf aus: »Wie, auch Sie verstehen mich nicht?« – Elisa ließ sich, so sehr diese Worte sie schmerzten, dadurch nicht irre machen, und hatte die Genugthuung, daß ihr Immermann bald den ungerechten Vorwurf abbat, und an seinem Werk die Veränderung vornahm, die Elisa ihm angerathen hatte. Er schrieb keinen Brief, den er ihr nicht, ehe er ihn abschickte, vorgelesen hätte; alle seine Briefschaften, seine Manuscripte, schenkte er ihr; sie besaß einen Schlüssel zu dem Schrank, in dem er alle seine Papiere verwahrte, er hatte kein Geheimniß vor ihr, und es war ihm lieb, wenn sie in die innerste Werkstätte seiner Gedanken blickte. Mit eigner zarter Hand ordnete sie seinen Schreibtisch, und schmückte ihn auch wohl mit Blumen. Zu wiederholten Malen bat Immermann Elisen, ihm ihre Hand zu reichen, und damit seinem Glück die Krone auszusetzen; er stieß immer auf denselben Widerstand. »Wird er immer so fühlen?« dachte sie zaghaft und bescheiden, und hielt es für das beste, nichts an ihrem schönen Zusammenleben zu ändern. –


Ein großer Schmerz war für Immermann, daß das Düsseldorfer Theater, welches unter seiner Leitung einen so schönen Aufschwung genommen, wegen Mangel an Geldmitteln eingehen mußte. Die Opfer, welche er selbst brachte, es zu erhalten, wollten nicht ausreichen; keine Anstrengung, keinen Verdruß, der bei einer solchen Stellung unvermeidlich war, hatte er gescheut, und mit unermüdetem Eifer sich der Sache gewidmet, die ihm so sehr am Herzen lag. Bis zuletzt hoffte er, daß sich im Publikum so viel Theilnahme finden würde, um die sinkenden Kräfte zu unterstützen, aber mit Bitterkeit mußte er wahrnehmen, daß die Reichen und Großen sich um die Hebung der wahren Kunst viel zu wenig kümmerten, um zu einem solchen Zwecke beizusteuern, und noch viel später, in den »Düsseldorfer Anfängen« klagte er, daß in dem Staate der »Intelligenz« das Gouvernement, während es Hunderttausende für die Frivolitäten des Ballets und der Oper in der Hauptstadt verschwenden, nicht daran dachte, eine jährliche Unterstützung von 4000 Thalern einem Institut zuzuwenden, das bestimmt war, in die Reihe der Rheinischen Kunstanstalten mit einzurücken.

Am 1. April 1837 mußte die Bühne, nach dreijährigem, ruhmreichen Bestehen, geschlossen werden; sie ging unter, aber in höchster Kraft und vollster Blüthe, in einer Weise, die ihrer würdig war. Die Schauspieler fühlten sich so von Eifer beseelt, daß sie bis zuletzt den größten Fleiß auf die schwierigsten Aufgaben verwandten. Immermann sagte selbst, daß sie bis zuletzt so viel leisteten, »weil sie ihre Ehre darein setzten, daß die Bühne im höchsten Glanz ihrer Thätigkeit untergehe.« Die letzte Vorstellung wurde mit einem Epiloge von Immermann geschlossen, den die Schauspielerin, Madame Limbach vortrug, und in welchem, nachdem die Klage ausgedrückt, daß das Glück in dieser bunten Thätigkeit nur so kurz gedauert, es weiter heißt:

»Doch auch das Trübste sei an diesem Orte,