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Magdeburg, den 1. Februar 1824.
Die heutigen Stunden der Muße seien Ihnen gewidmet, meine liebe Freundin. Ich bin hier noch nicht recht zur Ruhe gekommen, sonst würde dieser Brief früher abgegangen sein; möchte er sie gesund treffen! Meine Reise war im Ganzen sehr einförmig, das wahre Muster einer Winterreise. Am Dienstag vor acht Tagen kam ich bei meiner Schwester an, fand dort die Mutter, und bin nun seit acht Tagen in der Vaterstadt, die mir aber bei dem reißenden Wechsel aller Verhältnisse fast fremd geworden ist, und worin niemand, bis auf meinen Bruder Ferdinand, der unterdessen außerordentlich sich entwickelt hat, meine Sprache zu reden scheint. Diese Erfahrung haben Sie wohl auch schon gemacht, daß Sie deutsche Worte und Reden hörten, und dennoch merkten, wie die Leute mit diesen Worten ganz andre Begriffe verbanden, als Sie.
Ich wohne im Hause meiner verstorbenen Großmutter, und ihre alte langjährige Freundin, von der ich Ihnen erzählte, sorgt für mich auf das beste, so daß ich nur nöthig habe, mich vor Verwöhnung in Acht zu nehmen, wie man denn in dieser Beziehung sich immer hüten muß, wenn man das Glück hat, ein Gegenstand weiblicher Sorge und Pflege zu sein. Glücklicherweise ist das Leben zu strenge, als daß die weichen und weichlichen Seiten in unsrer Natur so leicht überhand nehmen können.
Die Stadt hat sich in mancher Hinsicht verschönert. So sind zum Beispiel am Fürstenwall, an einer Stelle, wo sich sonst nur eine kahle Mauer befand, schöne grüne Terrassen angelegt, welche mit Rosen und andrem Gesträuch besetzt werden. Das Ganze muß, wenn es fertig ist, einen erfreulichen Anblick geben. Die Anpflanzungen, welche der alte Horn anlegte, scheinen auch gediehen zu sein, soweit sich dies im Winter sehen läßt; kurz, meine Freundin, Sie brauchen sich jetzt grade keine Wüste um Magdeburg zu denken, wenn wir gleich durch Natur und militairisches Verhältniß immer nur auf das Nothdürftige hingewiesen sein werden. – Das Theater ist zweimal besucht worden, außer einem gewissen Hartmann senior, von dem ich den Hugo in der Schuld sah, ist nichts des Nennens Werthes unter der Gesellschaft. Die Erleuchtung ist zu Gunsten derer, welche Ursach haben, ihr Gesicht nicht zu zeigen, denn es ist so finster darin, daß man kaum die Gesichtszüge der Schauspieler erkennen kann. Was man sonst hier für Aesthetik treibt, darum habe ich mich noch nicht bekümmern können.
Denn es ist eine solche Masse von Arbeit über mich gestürzt, daß ich freilich, der ich dort doch eigentlich nur ein Müßiggänger war, alle Hände voll zu thun habe, und die frühen Morgenstunden zum Actenlesen benutzen muß, damit ich vorbereitet am Tage verhören kann. – Hiervon nichts weiter! Wenn ich mich mit Ihnen unterrede, wollen wir in freieren und heiterern Regionen wandeln, als wohin den Juristen sein Pfad führt.
Ueber meine hiesigen Umgebungen und Verhältnisse erwarten Sie wohl noch kein Urtheil von mir. Personen und Sachen darf ich das Mißbehagen, welches mich nicht verläßt, wahrlich nicht zur Last legen. Aber ich habe in jeder Beziehung zu viel verloren, als daß ich vergnügt sein dürfte. Neigung und Dank wandern beständig in die Ferne, da kann man freilich in der Nähe und Gegenwart nicht zu Hause sein. Indessen bin ich gefaßt, denn ich habe, wie Sie wissen, meinen ganzen gegenwärtigen Zustand in Münster schon vorhergesehen.
Die Koffer, worin Ihre Papiere aus Versehen mit eingepackt sind, habe ich noch nicht. Sobald sie ankommen, erfolgen die Papiere zurück. Ich bitte, dieß dem Herrn General nebst meiner besten Empfehlung und nochmaligen Danksagung für alle erwiesene Gewogenheit, zu melden. – Ueber Ihre Geldangelegenheiten nächstens mehr, ich muß diesen Brief gleich absenden, und kann deßhalb jetzt über jenen Punkt mit Ihnen nicht ausführlich reden.
Möge mir nun bald gute und schöne Kunde von Ihnen zukommen! Ich habe den Wunsch und das Bedürfniß mit Ihnen in beständiger naher Verbindung zu bleiben. Die heutigen flüchtigen Zeilen sehen Sie nur wie ein Billet an, welches Ihnen in der Eile von einem fernen Freunde und seiner Gesinnung Nachricht giebt.
Der Reiz, die Anmuth und Würde Ihres Wesens, werden Sie gewiß immer tragen und halten. In dieser Zuversicht sage ich Ihnen heute Lebewohl als