Ihr treuer Freund
Immermann.
6.
Magdeburg, den 8. Februar 1824.
Ich benutze den Sonntag, liebe Freundin, um mich im Gespräch mit Ihnen von manchem Drückenden zu erholen. Möchten Ihnen denn meine Worte auch nur Erholung und Heiterkeit bringen! Ich sehe Sie nun im Geist bald mit dem Garten beschäftigt, und freue mich, daß die Zeit der Erlösung aus dem engen Zimmer nahe ist. Wir hatten hier schon einige sehr heitre, warme Tage, leider haben sie wieder unfreundlichen Platz gemacht.
Wenn alle, die von Münster kommen, jene Stadt so loben, wie ich, so wird bald das Vorurtheil gegen dieselbe verschwinden. Ich mache mir es zum Geschäft, alle ihre Vorzüge herauszuheben, und muß mich nur in Acht nehmen, daß ich nicht bei meinen lieben Landsleuten in den Ruf eines schlechten Patrioten komme. Ernsthaft gesprochen, so scheint es mir in unserem, so verschiedenartig componirten Staate recht eigentlich die Pflicht eines jeden wohldenkenden Beamten, den sein Geschick in eine neue Provinz warf, zu sein, die üble Meinung und das Mißtrauen, welches zwischen den alten und neuen Bürgern herrscht, so viel in seinen Kräften steht, zu zerstreuen.
Möchte man nur immer zu allem seinen Beifall geben können! Auch wir sind hier nicht von Verhaftungen verschont geblieben. Ein junger Mensch, ein Referendarius Caspari, aus einer mir bekannten und befreundeten Familie, wurde vor acht Tagen nach Berlin gebracht. Zur Freude jedes Vaterlandsfreundes hat aber das hiesige Oberlandes-Gericht feierlich gegen diese Handlung protestirt, und den Justizminister offiziell aufgefordert, das Recht zu schützen. – So etwas hilft zwar in der Regel nichts, aber es zeigt doch, daß die Gerichtshöfe in Preußen immer noch ihrer hohen Würde eingedenk sind. –
Wie oft wünsche ich des Abends, bei Ihnen zu sein! Meine Tage gehn hier sehr streng und arbeitsam hin. Ein großer Abstich gegen sonst. Indessen sehe ich ein, daß, wenn ich meine Zwecke erreichen will, doch einmal diese strenge, arbeitsame Zeit eintreten mußte. Ein schönes Leben zu führen, gelingt nun einmal in Norddeutschland nicht, der Fleiß ist unser Apollo, und die Mühe unsere Muse! Nichts ist lächerlicher, als ein norddeutscher Geschäftsmann, der zu seiner Erholung des Sommers vier Wochen in's Bad geht, und nun durchaus nichts mit Zeit und Natur zu beginnen weiß. Ein solcher Mann ist eine ächt komische Figur, und ich muß sie mir für meinen Roman ausbilden.
Ihre Papiere sind angekommen, und ich sende sie Ihnen bald mit der fahrenden Post. Sehr glücklich würden Sie mich machen, wenn Sie mich auch in der Ferne zu Ihrem Geschäftsträger erwählten.
Meine Zeit ist etwas knapp, ich muß Ihnen herzliches Lebewohl sagen.