Ihr Freund
Immermann.
7.
Magdeburg, den 15. Februar 1824.
Heute, meine liebe Freundin, sollen Sie einen Brief voll Stadtneuigkeiten haben, damit Sie sehen, wie nachtheilig die Entfernung von Ihnen auf mich wirkt. Ich fange an zu klatschen.
Unsre Jünglinge hier sind ganz andre Leute, als die dortigen. Auf einem Ball vor acht Tagen ist zwischen einem Referendarius und zwei Offizieren über einen Tanz der heftigste Streit entstanden, der sich durch zwei Duelle, eins auf den Degen und eins auf Pistolen, in dieser Woche ausgeglichen hat. Sie können denken, in welchem Aufruhr die hiesige Damenwelt sich befindet, und es ist nur schade, daß niemand blieb, alsdann würde erst der Jubel vollständig sein.
Ein armer Criminalrichter, der vom Morgen bis zum Abend inquirirt, darf leider an dergleichen nicht denken, und so fehlt ihm jedes Mittel, sich dem schönen Geschlechte interessant zu machen. Wenn ich genöthigt wäre, mich zu schlagen, so müßte ich es wahrhaftig am lieben, heiligen Sonntag thun, denn in der Woche hätte ich keine Zeit dazu.
Ich zähle jetzt jeden Tag, der uns dem Frühlinge näher bringt, mehr um Sie, als um mich. Wenn ich Sie nur erst mit Harke und Spaten im Garten beschäftigt, glühendroth im Antlitz, pflanzend und säend weiß, dann ist mir nicht bange für Sie, dann schweigt vor der äußeren Anstrengung die Erinnerung an die harten Schicksale, mit welchen der Himmel Sie prüfen, durch welche er Sie verklären will. – Unter den vielen guten Gaben, mit welchen Natur und Erziehung Sie bedachte, pries ich immer die Neigung, sich körperlich zu regen und zu bewegen. Es ist unbeschreiblich, was Sie dadurch für Vortheile über die stillsitzenden Damen erlangen. Ich bin zwar kein Wahrsager, aber Ihnen getraue ich mir doch ein recht zufriednes und gesundes Alter zu prophezeihen. Einer gewöhnlichen Frau dürfte man freilich nicht von ihrem Alter reden, entschuldigen Sie mich mit der Freimüthigkeit, die Sie mir immer erlaubten, daß ich zu Ihnen so ungalant sprach.
Liebe Freundin, Sie müssen sich wirklich meiner annehmen, wenn ich nicht dem Schönen absterben soll. Ich meine, daß Sie mir aus Ihrer Lectüre hin und wieder das Wissens- und Merkenswürdige mittheilen. Wenn ich jetzt nicht aufmerksam gemacht werde, so erfahre ich nichts, denn lange zu suchen und zu forschen, dazu fehlt die Zeit. – Wie oft besucht mein Geist den Bücherschrank und alle die Plätze, wo bei Ihnen die Literatur aufgestapelt liegt! Als ich Sie erst kennen lernte, hielt ich Sie für grundgelehrt, und scheute mich, weil ich meiner eigenen Ignoranz mir bewußt war, etwas vor Ihnen. Nachher habe ich denn erfahren, daß Sie etwas viel besseres sind, nämlich gebildet, das heißt nicht in dem abgenutzten Sinne der Zeit, sondern in dem Sinne, wo das Wort die harmonische Gestaltung des ganzen Wesens durch Lehre, Geschick und Nachdenken bezeichnet.
Diese Nacht habe ich im Traum den ganzen Tasso aufgeführt. Das ist ein Zeichen, daß wir uns bald wiedersehn werden, denn ohne Sie kann ich das Stück nicht geben.