Ihre Papiere sind am vorigen Posttage nicht angenommen worden, weil sie in Wachsleinwand eingeschlagen werden mußten. Sie langen nun künftigen Freitag an. Nebst meiner Empfehlung an den Herrn General bitte ich ihn in meinem Namen wegen dieser Verzögerung um Entschuldigung zu bitten.

Es sagt Ihnen herzliches Lebewohl

Ihr treuer Freund

Immermann.

8.

Magdeburg, den 22. Februar 1824.

Ich muß zwar fast verzweifeln, meine liebe Freundin, Ihnen Neues und Interessantes zu melden, denn mein Leben geht hier sehr einförmig hin, indessen will ich die gute Gewohnheit der wöchentlichen Correspondenz doch nicht gleich in ihrem Entstehen wieder vergehn lassen, weil mir gar zu viel daran liegt, mit Ihnen in beständiger Verbindung zu bleiben, und diese nur durch ununterbrochene Correspondenz möglich wird. Briefe müssen sich dem Tagebuche nähern, dann ist ein Leben mit dem Entfernten gedenkbar, setzt man sich nur alle Monat einmal hin, um zu schreiben, so ist es keine Unterredung mehr, sondern ein Bericht, ein Vortrag.

Diese Woche war hier ein großer Ball bei Hake's in köstlich verzierten, nur etwas zu engen Zimmern. Die Dame muß außerordentlich viel Geschmack besitzen, alles zeugte von ihrem feinen Sinn. Ich tanzte nicht, spielte nicht, sondern bewegte mich, den Hut in der Hand, umher, und suchte – Sie! – Ich erinnerte mich nämlich einer ähnlichen steifen Geschichte bei Horn's, vor der ich mich sehr gescheut hatte, die mir aber das Gespräch mit Ihnen noch immer zur vergnügten Erinnerung macht. Sie können sich als Frau – mit angeborenem und durch Ihre Lage ausgebildetem Talente für gesellige Verhältnisse gerüstet, keine Idee von der Befangenheit machen, die mich jederzeit in großen Kreisen, besonders im Anfange befällt. Ich muß jederzeit alle Standhaftigkeit zusammennehmen, um nicht lächerlich zu erscheinen. Indessen tröstet mich zuweilen die Betrachtung, daß ich so viele Andere, welche recht routinirt zu sein glauben, bei dem Bestreben, sich zu produciren, die kuriosesten Figuren machen sehe. Die ächte feine Lebensart und Sitte ist etwas sehr Ausgezeichnetes, und eben so wenig durch Mühe und Arbeit zu erringen, wie jedes andre Talent. – Hake und die Gräfin besitzen es wirklich, es ist nicht möglich, mit mehr Anstand und Würde ein Fest zu geben, als sie thaten.

Sonst sind in dieser Woche für mich zum Theil recht unruhige und unangenehme Tage gewesen. Die Auction des Mobiliarnachlasses meiner Großmutter wurde vorgenommen, wobei ein solcher Lärm herrschte, daß ich immer meinte, sie würden mich mit losschlagen. Meines Verweilens in diesem Hause wird nicht lange sein, es wird höchst wahrscheinlich verkauft. Ich sehe mich deßhalb auch schon nach einer andern Wohnung um, und werde vermuthlich Ostern ausziehen.

Ich freue mich, daß Paulmann's Benefiz so gut ausgefallen ist. Er verdient wohl, daß man ihn achte. Menschen, die einen so hohen Begriff von der Kunst und ihrer Schwierigkeit haben, sind heutzutage selten, weil die Welt mit lauter Genies, denen nichts Mühe macht, besät ist. Es ist unglaublich, wie die ästhetische Oberflächlichkeit um sich gegriffen hat, und man kann es dem Publico nicht verdenken, wenn es am Ende von Kunst und Dichtung gar nichts mehr wissen will. Alles glaubt jetzt, wenn es das Patent der Bildung gelöst hat, musiciren, recitiren und dichten zu können. So verderben die vielen Pfuscher das Handwerk.