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Magdeburg, den 27. März 1824.

An diesem regnichten Nachmittage, liebe Freundin, will ich wenigstens im Geiste mich in heitre Regionen – nämlich zu Ihnen flüchten. Es ist ganz abscheuliches Wetter, so recht zum Todtschießen geeignet, wenn man sonst dazu Gelüst hat.

Nun ist es beinahe ein Vierteljahr her, daß wir getrennt sind, und ich weiß nicht, wo die Zeit blieb. Freilich lebe ich hier auch nur wie im Traume, und meine Existenz hat durchaus kein Interesse und keine Bedeutung. Ich hoffe, es soll anders werden, denn würde es nicht, so wäre es freilich schlimm.

Ich freue mich, daß Ihnen der »Kaufmann von Venedig« einen heitern Abend gemacht. Diese herrliche Dichtung gehört zu dem Besten, was ich kenne. Es giebt Poesien, die wie manche Häuser sind, ohne durch Pracht zu blenden, ziehen sie unwiderstehlich an, man verweilt gern darin, man fühlt sich überall heimisch, und wie in guter, bequemer Gesellschaft. Solch einen Eindruck macht immer das Stück auf mich.

Selbst das Gewitter, welches über den armen Antonio heraufzieht, kann nur mäßig erschrecken, denn man ahnet gleich seine Rettung – wo ein Weib wie Portia mit in die Handlung verflochten ist, da kann nichts untergehn. In dieser Portia spiegelt sich die reinste Weiblichkeit, und jene reizende Mischung von tiefem Gefühl, weicher Herzlichkeit, Schalkheit und einem gewissen Hang zur Intrigue ab, die Ihr Geschlecht auszeichnet. Auch die vielen Freier dienen vortrefflich, die Erscheinung hervorzuheben; wenn man einen Mann bedeutend schildern will, so muß man ihn an der Spitze eines Heers, oder unter einem Haufen von Schülern und Anhängern zeigen, soll dagegen eine Frau recht prächtig erscheinen, so muß sie eine vielumworbene sein. – Bassanio und sie werden ein herrliches Paar machen, recht geschaffen Glück und Glanz um sich zu verbreiten.

Ich möchte wohl wissen, ob jemand schon den Grund von Antonio's Traurigkeit, mit der er gleich Anfangs auftritt, erklärt habe. Die Wirkung derselben ist groß, er steht gleich mit Einem Zuge unter den schwatzenden, lachenden Freunden als eine fremdartige, von ihnen nicht begriffene Erscheinung da, seine schwärmerische Freundschaft für Bassanio, sein sonderbares Pfui! als man ihn fragt, ob er verliebt sei? – alles, der Abscheu vor den Zinsen mit dazugenommen, charakterisirt ihn als einen von denen, mit welchen das Schicksal sich gern eine kleine Belustigung macht, und so bringt er gleich einen ernsten Ton in das sonst so fröhliche Stück.

Der Grund seiner Schwermuth läßt sich leicht finden, wenn man ihn in Beziehung auf seinen Stand betrachtet. Kann es wohl eine schlechtere Anlage zu allem Kaufmännischen geben, als er besitzt? Mit dieser Weichheit, Empfindsamkeit, mit diesem ritterlichen Zuge in der Seele, unter Handel und Wandel, Wechsel und Geldverkehr, muß sich ein stilles Mißbehagen in ihm ausbilden, welches er selbst nicht versteht, wie es seinen Freunden unerklärlich ist.

Nehmen Sie, Beste, heute mit dieser Abhandlung statt eines Briefes vorlieb. Ich habe eben nichts besseres zu geben, und wünschte nur, daß ich mich in Ihrer Nähe von manchem ausheilen könnte, was mein Gemüth bedrängt. Gedenken Sie meiner, wie ich Ihrer gedenke.

Immermann.