Ich stehe von der Kälte in meiner Gartenstube etwas aus, und schreibe Ihnen dieses mit frostblauen Händen. Ich komme mir mitunter in meiner Klause vor wie ein in den Polargegenden eingefrorner Seefahrer, und stehe oft in Versuchung die Sommerfreude in Pelzstiefeln und Klappmütze zu genießen. Ein seltsamer Zustand in meinem hiesigen überhaupt seltsamen Leben! Wir wollen beide den Himmel um Phlegma anflehen, ich finde, daß die Phlegmatiker die einzigen Weisen sind. Dagegen ein armer empfindsamer Thor sich fruchtlos abhaspelt, bis ihn der Tod zum unfreiwilligen Phlegmatiker macht.

Leben Sie wohl, theure Freundin, und erhalten Sie mir Ihre Gesinnung.

Immermann.

17.

Magdeburg, den 8. Mai 1824.

Wie ich mir es vorgenommen hatte, liebe Freundin, so will ich es ausführen, mich mit Ihnen über Eßlair's Spiel auf der hiesigen Bühne diesesmal unterhalten. Ich beschloß anfangs, an jedem Abend Ihnen den frischen Eindruck hinzuschreiben, indessen ich gab bald diesen Vorsatz auf, da bei einer unerwarteten Erscheinung der Mensch zuerst zu befangen ist, als daß er einem andern ein Bild geben könnte.

Um vom Aeußeren zu beginnen, denken Sie sich einen Mann nahe an den Fünfzigen (so dünkt mich wenigstens sein Alter) in reinen, kraftvollen Verhältnissen aufgebaut, etwas zu viel Embonpoint, welcher jedoch wegen seiner Größe nicht gar zu störend wird, Hände und untere Theile des Körpers von außerordentlicher Schönheit, die Brust eines Löwen, das Gesicht ein herrliches Oval, die Nase groß und gebogen, die dunkeln Augen von unendlichem Feuer, welches durch sehr viel Weißes noch mehr erhöht wird, auf dem Haupte das Zeichen des herannahenden Alters – der Anfang einer Platte – welcher aber, wie dies immer zu sein pflegt, die Verhältnisse des Kopfes um so bedeutender hervorhebt.

Diese Gestalt trat dann am Sonntag vor acht Tagen als »Wallenstein« durch die Flügelthür, in höchst einfacher Kleidung, ruhig majestätisch. Der Anfang des Spiels war ganz gelassen, fast trocken zu nennen, ohne alle Prätention. Nur die große Anmuth aller Bewegungen deutete das Besondre an. Richtiges Einfallen, gutgehaltne Pausen, Benutzung aller Höhe und Tiefe des Theaters gaben dem Zuschauer das Gefühl der Sicherheit, welches der Künstler in sich trug. Was nun aber immer mehr eigentlich fesselte, war der große Sinn, in welchem der Charakter genommen wurde. Ganz vortrefflich entfaltete er denselben in der Scene mit Illo und Terzky, worin er diesen den Traum vor der Lützner Schlacht erzählt. Da trat die Doppelnatur Wallenstein's ganz hervor, die Verachtung der Menschen, welche er unter sich erblickt, und die ahnungsvolle Seite, die den Sternen zugekehrt ist. Die Worte:

»Es giebt im Menschenleben Augenblicke« –

sprach er sonderbar heimlich, die Schauder des herannahenden Schicksals wehten über die Bühne, man fühlte sich in seinem Innersten berührt, man war nun schon ganz in seinen Banden. Unübertrefflich war das Spiel bei dem Aufstande der Truppen, nie werde ich diese Feldherrnstellungen, diese militairische Kürze und Schärfe vergessen. Als er zurückkommt, und alles verloren ist, sprach er die befehlenden Worte an Buttler und an Terzky sehr streng, fast tyrannisch – wie mich dünkt außerordentlich richtig. Denn Wallenstein kann das Unglück nur noch fester und herrischer machen. In der Attitüde, worin er zu Max sprach: