»Wie ist's? Versuchst Du einen Gang mit mir?«

hätte ich ihn mögen gemalt sehen, er stand wirklich wie ein Römischer Imperator da, die Füße übereinander geschlagen, den rothen Mantel halb emporgezogen. Das Herantreten an die Liebenden geschah, ohne daß er auch nur die geringste Bewegung machte, und das Wort: »Scheidet!« wurde ohne allen Affekt gesprochen, wirkte aber eben deßhalb um so furchtbarer. Der Ausdruck in seiner Darstellung, als er den Tod des Max erfährt, war einfach groß. Eine bloße Seitenbewegung und ein Zusammenziehn des ganzen Körpers, dann aber wieder der Schein völliger Ruhe und Fassung. Im fünften Auszug erreichte das Spiel stellenweise seinen Gipfel. Als er am Fenster in die Nacht hinausstarrte, sah man wirklich mit ihm in die unendlichen Tiefen des Himmels, nun sank er mit ungemeiner Grazie über den Stuhl, und das Gesicht zeigte die rührendste Trauer, auch wurden die schönen Worte über Maxens Tod ganz ihrem Werthe gemäß gesprochen. Er hielt sich auf dieser Höhe bis zum Ende, wo er mir die Worte:

»Ich denke einen langen Schlaf zu thun,

Denn dieser letzten Tage Qual war groß,

Sorgt, daß sie nicht zu zeitig mich erwecken.«

doch mit zu viel Wichtigkeit aussprach, da sie nach meiner Meinung ganz leicht und sorglos vorgetragen werden müssen.

Sehr oft erscheint die Schönheit in seinem Spiel, welches das höchste ist, was man von einem Künstler sagen kann, so gewaltig das Wort auch verschwendet und gemißbraucht wird. Das sogenannte interessante und charakteristische Spiel ist noch himmelweit davon verschieden. Es ist offenbar etwas Bedeutendes, wenn man die größte Kraft, Wahrheit und Natur schaut, und alles dieses durch eine Anmuth gemildert, und in einem sanften Reize verklärt wird, so daß man nirgends sich erdrückt, sondern immer erhoben und befreit fühlt. Vor allem zu loben ist seine Action, der Körper ist ganz Muskel, er ist im Stande mit dem kleinen Finger mehr zu machen, als andre, wenn sie mit Armen und Beinen hanthieren. Sein Auftreten und Abgehn ist wahrhaft königlich, er sitzt und steht ganz herrlich. Eine Eigenheit von ihm ist, daß er sich gern über den Stuhl lehnt. – Seine Recitation und Declamation ist nicht so tadelfrei, häufige, fehlerhafte Betonung, mitunter leerer Pathos, entstellen sie. Das Organ leidet, obgleich die Stimme tief und sonor ist, an einiger Rauhheit, und der oberdeutsche Dialect spricht zuweilen durch. Am meisten leistet er im ruhigen, würdevollen, kräftigen Vortrag, auch im Ausdruck des Rührenden, weniger in den leidenschaftlichen Scenen, wo zuweilen Uebertreibung ohne eigentliche Gediegenheit eintritt. Eine köstliche, trockne Ironie hat er in seiner Gewalt, glänzend zeigte er sie in seinem Spiel zu den Frauen im »Wallenstein,« die er sichtlich als Beiwerk behandelte, wie sie es auch in dieser Tragödie sind. –

Montag gab er Kriegsrath Dallner in »Dienstpflicht« – Mitwoch »Wilhelm Tell,« Donnerstag Hugo in der »Schuld,« Freitag den Oberförster in den »Jägern.« Morgen wird »Dienstpflicht« repetirt, dann giebt er noch eine Vorstellung, die bis jetzt unbestimmt ist. – Wallenstein ist mir als die großartigste Erscheinung vorgekommen; obgleich er in den übrigen Stücken, namentlich als Dallner eigentlich viel correcter gespielt hat, so fehlte die von innen nach außen dringende Poesie, welche aber freilich auch nur von einem ächten Dichterwerke hervorgerufen werden kann. Das Publikum zeigt sich im Ganzen theilnehmend, empfängt ihn jedesmal mit Applaus.

Wie sehr hätte ich gewünscht, theure Freundin, daß Sie ihn sehen möchten. Ihr feiner Sinn für das Schöne würde großen Genuß gehabt haben. Alles Gute wünscht, wie Sie wissen, mit Ihnen zu theilen

Ihr Freund