Erzählen Sie mir recht viel von sich, und schenken Sie mir, wie früher, volles Vertrauen. Ich hoffe es zu verdienen, und glaube Ihnen sagen zu können, daß meine Gesinnung sich Ihnen in jeder Lage des Lebens bewähren wird; daß es keinen Dienst giebt, den ich Ihnen nicht mit Freuden leisten kann, keine Treue, welche mein Gemüth Ihnen nicht bewahrt. Mit diesen Worten lassen Sie mich diesmal Ihnen Lebewohl sagen.
Immermann.
20.
Magdeburg, den 10. Juli 1824.
Ich habe mich sehr, theure Freundin, gefreut, aus Ihrem letzten Briefe zu sehen, daß Sie ruhiger und heitrer geworden waren. Gewiß verläßt Sie der Himmel nicht, auch Sie sind ein Wesen, welches er dazu bestimmte, Freude und Behagen zu empfinden und des Daseins nach den Gesetzen seiner Natur zu genießen, ja, Sie sind vor Vielen dazu berufen, da Ihr reiches Herz so viel Gutes um sich verbreitet, so manchen Segen um sich zu pflanzen weiß. Dieses Gute, dieser Segen muß aber, nach den ewigen Gesetzen der Welt, zu Ihnen zurückkehren, und gewiß haben Sie dies auch schon in mancher Anhänglichkeit, die Ihnen auf dem Lebenswege wurde, dankbar gegen Gott, empfunden. Daß wir in dem schönen Wolbeck nicht zusammen gewesen sind, bedauert gewiß niemand mehr als ich – ich war so gern mit Ihnen in der Natur, und hatte meine Freude an Ihrem für alle Schönheiten des Daseins aufgeschlossenen Sinn. Sonst haben wir wohl so ziemlich in Münster alle hübsche Parthien mit einander gesehen.
Ihr nächster Brief wird mir sagen, was weiter zu besprechen ist – bis zum Eingang desselben, vermeide ich die Berührung dieser Dinge.
Es freut mich, daß Sie Eßlair auch persönlich kennen gelernt haben, und daß er so galant gegen Sie gewesen ist. Sein Wesen hat wirklich etwas sehr Ansprechendes. Ueber die Jugendgeschichte dieses Mannes ist man noch sehr im Dunkeln. Das Conversations-Lexicon drückt sich mystisch genug aus. Er soll aus einem alten gräflichen Geschlechte sein, von Slavonien herstammen u. d. m. Die Ahnen werden sich daher wohl etwas gerührt haben, als der ungerathne Enkel unter die Schauspieler ging.
Auf meinem Tische liegt der zweite Theil des Tagebuchs von Wilhelm Meister, von Pustkuchen. Dieses Pfäfflein wandelt getrost seinen trutzigen Gang fort, versteigt sich aber in diesem Theile, wie ich aus den ersten zwanzig Seiten bereits ersehen habe, bedeutend in's Ungereimte, und so steht denn zu hoffen, daß das Horn seines Uebermuthes nahe am Zerbrechen ist. Vielleicht rühre ich meine Feder auch noch zu diesem Ende, doch ist es sehr zweifelhaft, da ich eigentlich zu solchen Arbeiten keine rechte Lust habe.
Ich wünsche Ihnen alles, was Sie bedürfen, und bleibe mit alter Anhänglichkeit
Ihr Freund