Immermann.
21.
Magdeburg, den 17. Juli 1824.
Recht leid thut es mir, von Ihnen hören zu müssen, daß Ihre Freundin in Dresden vielleicht behindert sein wird, Ihnen ganz ihre Zeit und Gesellschaft widmen zu können. Doch bietet Dresden so viel Schönes dar, was Sie für sich genießen können, daß Ihnen dennoch der Aufenthalt dort sehr heilsam werden wird. Die Dissonanzen des Lebens gleichen sich am ersten in der ewigen Harmonie der Natur und schönen Kunst aus; indem das Gemüth mit stiller Gewalt auf die ewigen Gesetze der Schönheit aufmerksam gemacht wird, findet es sich selbst zu seiner Klarheit und Schönheit zurück. Recht begierig bin ich aus Ihren Briefen den Eindruck zu vernehmen, welchen die Antiken auf Sie machen werden. Mir ist die Statue immer lieber gewesen als das Gemälde, sie bringt auf mich die reinste und gründlichste Wirkung hervor, nie werde ich die Stunden vergessen, welche ich vor den großen Werken des Alterthums, deren Anschaun mir zu Theil ward, zugebracht habe. Ich glaube auch, daß meine Poesie sich immer mehr zur Sculptur neigen wird – wenn ein heitres und in seinen nothwendigen Wünschen befriedigtes Leben mich überhaupt noch für die Zukunft als Dichter gelten läßt. Schon jetzt empfinde ich eine Abneigung gegen alles, was nicht nothwendig ist, und ein eigenthümlicher Fehler meiner Poesie ist, daß sie der malerischen Perspective entbehrt und alle ihre Gestalten wie eine Steingruppe hinstellt.
Doch Sie können zürnen, daß ich jetzt von mir rede und mich nicht bloß mit Ihnen beschäftige. Mögen die Kräuterbäder Ihnen Heil und Segen bringen. Sie werden diesen Theil Ihrer Kur doch gewiß in Dresden fortsetzen, und haben dazu im Lincke'schen Bade die beste Gelegenheit, zugleich den Vortheil, mit dem Bade eine hübsche Spazierfahrt zu verbinden. Die Brühl'sche Terrasse und die große Brücke müssen Sie ja einmal bei Mondschein besuchen, es ist ein eigenthümlicher, schöner Anblick, den ich mehrmals genossen habe.
Ein böser Stern gab mir vor einigen Tagen die Fortsetzung der falschen Wanderjahre, Wilhelm Meister's Meisterjahre, von Pustkuchen in die Hand. Da der Mensch in seiner doppelten Natur immer auch gern mit dem Schlechten sich bekannt macht, so las ich das Buch in einem Zuge durch, kann aber doch fast den Ekel, den diese abgeschmackte, saft- und salzlose Schüssel in mir zurückließ, nicht beschreiben. Das Frühere ist gegen dieses ein Leckerbissen, ich fürchte sehr, der Verfasser wird nun seinen eignen Anhängern verdächtig werden.
Ich wünsche Ihnen Zurückkehr der Körperkräfte und ruhige Stunden. Mit bekannten Gesinnungen
Ihr Freund
Immermann.