Magdeburg, den 24. Juli 1824.
– Es ist gut, daß Ihre Reise spät fällt, früher würde Ihnen die große Ueberschwemmung manchen Genuß verdorben haben, sie hat unendlich viel Schaden gestiftet, auch in der hiesigen Gegend.
Vor einigen Tagen aß ich in einem Gasthofe (denn meine Mutter ist verreist, und ich lebe wieder wie sonst) mit einer Dame zusammen, die man fragte, ob sie eine Engländerin sei. Sie verneinte dies mit großer Lebhaftigkeit, und fügte hinzu: »Gottlob, ich bin eine Hamburgerin.« Es thut wohl in diesen Zeiten einmal jemand zu hören, der sich seines deutschen Vaterlandes freut. Ich kann von mir behaupten, daß ich diese Liebe immer im Herzen getragen habe. Es fällt meinem Verstande unendlich viel Tadelnswerthes ein, was sich bei uns findet, und dennoch ist mir das Vaterland das liebste, was ich mit keinem andern vertauschen möchte. Es erscheint mir eben in seinem unbeholfenen, zerrissenen Wesen so bedürftig und so würdig des Mitleids, und ich glaube, daß ihm die Besseren durch heiße Anhänglichkeit den Schutz und die Sicherheit geben müssen, welche ihm die Natur und die politische Verfassung nicht giebt. Das ist wohl überhaupt das Wesen jeder Liebe, daß sie ihren Gegenstand ganz und ungestört umfaßt, und seine Mängel und Flecken in ihrer Wärme und Fülle ausgleicht.
Ich sage Ihnen für diesesmal Lebewohl, und bitte Sie, meiner im Guten zu gedenken.
Ihr Freund
Immermann.
Briefe von Möller an Elisa.
1.
Münster, den 25. Dezember 1830.
Daß der wackere Lord Byron, meine Verehrteste, mir Veranlassung giebt, Ihnen zu schreiben, soll ihm noch in seiner Familiengruft zu Nottingham gedankt werden. Nehmen Sie gütigst sein Bild und seine Gedichte als ein Scherflein zum Andenken – an mich! Das ist wohl kühn gesagt! Aber Liebe und Vertrauen wagen etwas. – Seitdem Freundin Engels bei mir ist, theilen wir sehr oft das Verlangen, Ihnen näher, ja ganz und gar mit Ihnen zu sein. Die schönen, unvergeßlichen Tage und Stunden, die einst durch Sie mir hier wurden, ließen sich dann erneuern, und die verbesserte Auflage meines häuslichen Lebens könnte so etwas dazu mitwirken. Unter den vielen Revolutionen unserer Zeit ist die, welche Christiane mit mir, ihrem Häuptlinge, und dem ganzen Gebiete meiner Herrschaft unternommen hat, so weit ich vergleichen kann, noch immer die beste, und würden die andern wohlthun, ihr Muster nach dieser zu nehmen. Die Veränderungen sind nicht nur unblutig, sondern sogar unmerklich, und auch diejenigen, welche dem auf Gewohnheit haltenden Häuptlinge unbequem sind, weiß die Constitutionskünstlerin so fein anzurichten, daß sie am Ende ihm glatt eingehn. Ja, ich muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, – sie bereitet mir ein tägliches Wohlleben; ich nenne sie aus Dankbarkeit mitunter Melitta (die Honigträgerin.)