Ich bin aus langer Finsterniß an's Licht gekommen, der Erstling meiner neuen Tage sei der innigste Herzensgruß an Sie, meine holdselige Freundin! – Nie kann ein Dank beseelter ausgesprochen sein, als der, den ich hiermit ausdrücke dafür, daß Sie, sich immer gleich, mir hold und zugethan bleiben, Sie sind mir dadurch wie ein Stern aus besseren Welten. Sie denken wohl nicht, wie oft in den nächstvorigen Tagen Sie wie eine holde, unsichtbare Macht aus weiter Ferne mich getröstet und erhoben haben. Ich habe nämlich eine lange Zeit durch den barbarischen Winter gelitten, mit Nervenschwäche und einem grippenartigen Uebel gekämpft. Es kam hinzu, daß auch meine guten Kinder und Enkel von ähnlichen Uebeln heimgesucht wurden. –
Jetzt bin ich an den hellen Tag gekommen und freue mich unaussprechlich, Ihnen wieder frisch und fröhlich schreiben zu können. Die hier eingetretenen frühlingsmäßigen Tage durchströmen mich mit neuer Lebenslust. O, daß ich heute Sie sähe – die Freundin auch der Natur – gewiß röthet die so schön aufgegangene Morgensonne höher Ihre Wange, und die blauäugigte Athene blickt lächelnd zu dem ihr befreundeten Himmel! Gewiß ist es so, denn ich sehe Sie ja! An diese liebliche Vorstellung – (o, wie sie mich anzieht!) knüpft sich eine andere, schon ältere, aber immer wiederkehrende, und immer ungestümer werdende – Sie nicht mehr nur im Geiste – sondern Auge in Auge, Hand in Hand – mit einem Worte – von Angesicht zu Angesicht, leibhaftig zu sehen, und daß ich Sie – Potsdamerstraße 38 begrüße und besuche! Der Mai müßte dazu gewählt, und von mir ein Urlaub auf längere Zeit erbeten werden. Himmel, wenn ich dann ganz frank und frei, gleich den Vögelein über den Wolken mich bewegen, frei athmen, die Welt wie mein fühlen, und das Leben recht eigentlich genießen kann – und das in Ihrer Nähe – des ewigen Zwanges entledigt!
Wie danke ich dem Himmel, daß die Götterkraft der Freuden, der Liebe, mich wieder durchdringt. Wie leicht und schön wird da das Leben! –
Die ganze Reise des Königs ist ein Triumphzug der edelsten Art, nicht nach blutigen Siegen, sondern nach einer unermeßlichen Herzenseroberung. Mehr ist kein Titus geliebt worden. – Ohne Zweifel wird in Elberfeld auch Friedrich Krummacher, meiner Schwester Sohn, zur Cour kommen, und es wird sich nun wohl bald zeigen, ob man ihn nach Berlin will. Er hat mir gar sehr gerühmt, Ihnen seine Aufwartung gemacht zu haben, wie auch der Frau Paalzow.
Eben komme ich von Fräulein von Wrede; sie wurde beredt, als sie Ihr Lob aussprach, und kann nicht genug rühmen von Berlin und des schönen Tages, wo sie mit Ihnen und Wach's zusammengewesen. – Freundin Engels empfiehlt sich sehr. Im Ganzen hält sie sich wohl und thätig in Handel und Wandel.
Herr von Vincke ist dem König entgegengereist, seine Familie sehr wohlauf. So auch die von Pfuel'sche, die uns auch hier sehr werth ist.
Die Berliner Zeitungen lese auch ich sehr fleißig, und grade diese um so lieber, da ich dadurch an Sie zu denken veranlaßt werde. Ist etwas Hübsches vorgefallen, so sehe ich Sie dabei gegenwärtig, z. B. bei den Conzerten des dort so hoch gefeierten Liszt, der übrigens auch bei uns einige große Concerte gegeben.
Wie viel auch historisch Wichtiges haben Sie mir im jüngsten Briefe erzählt. Wie soll ich dabei Ihnen genug danken. Sie verstehen sich vor allem auf die Freuden des Freudemachens.
Buchstaben befriedigen mich so wenig, ich meine immer noch nichts gesagt zu haben. Bei und mit und in Ihnen sein, ist allein das Rechte. Das Sie mir nur hold bleiben mögen! Fräulein von Wrede sagte mir heute, Sie seien eine unvergängliche Schöne! Ich hörte das mit Freude und den besten Wünschen. Hoffentlich führt mich der Mai zum fröhlichen Anschaun! Ihre lieben, holden Hände tausendmal küssend, empfiehlt sich Ihnen mit warmem Herzen der innig ergebene Freund
Möller.