1.
Berlin, den 29. Oktober 1833.
Es kommt ein Briefchen angeflogen, das will der gütige Freund Immermann Ihnen geben, daß Sie nicht erschrecken und denken, ich bürde Ihnen einen Briefwechsel auf – nichts soll es – nichts will es, als Ihnen sagen: es ist zu schwer, Sie ganz zu lassen, wenn man Sie einmal wieder gesehen hat – und daran knüpft sich die Lust, so ein Blättchen voll zu schreiben mit kleinen Liebkosungen – und daß ich es eben thue, das hat wieder der Freund mit seiner überzeugenden Zusage, Sie gegen jeden Schreck zu bewahren, herbeigeführt. Sie wissen also damit, daß wir ihn wirklich noch hier getroffen, und der Wunsch uns erfüllt ist, ihn zu sehen – dabei war er gut zu uns, wie es unglaublich wär', wüßte ich nicht, daß Sie ihn sicher darum gebeten hatten – aber er war mir nur desto lieber darum, und wir beide sind ihm so recht dreist gleich nachgelaufen, und haben von ihm erwischt, was die Andern über ließen – aber, was ließ das auf Immermann wartende Berlin übrig? Sie können denken, nicht viel – täglich saß er überdieß an den Fleischtöpfen des gräflichen Camachus, so daß mir gleich der Athem stockte, als ich ihm meine kleine zweibeinige Junggesellenwirthschaft anbieten wollte – lange hielte er es nicht aus, trotz der stillen Absonderung bei sich, deren er gewiß in hohem Maaße fähig ist, und der Stempel eines großen Geistes, wie ich immer gefunden.
Wenn man ihm Ruhe und Einsamkeit mitten in Berlin verschaffen könnte – würde ich von nun an nichts wünschen, als er wohnte künftig hier – aber er würde Mode werden, alle Soireen, bei denen Immermann fehlte, würden sich disgustirt halten – müßte man da nicht Trauer um ihn anlegen, oder einen Verhaftsbefehl auswirken, und ihn in ein hübsches, stilles Gefängniß befördern – ich kann mir keine passende Lage für ihn hier denken, und freue mich, wie er wieder hinter der hohen, grünen Hecke in die stillen Raume verschwinden wird, wo die Geister gehorsam und unverscheucht von dem leeren Lärm geschäftigen Müßiggangs ihm dienen.
Wie gefällt er uns so noch bei weitem mehr, als wir sicher hatten – wie ist er über all das andere, still heiter, jugendlich unbefangen und bescheiden wie alle bedeutende Menschen, die sich immer was besseres denken können als sie leisten, gar nicht kraus, gar nicht tragisch oder bitter blickend – wir hatten das alles auch ausgehalten, und ihn doch lieb gehabt, aber nun sich es nicht vorfindig, bin ich so lustig und unbefangen, wenn ich ihn sehe, und wie Kinder sich fragen: wollen wir zusammen spielen? so möchten wir auch was ähnliches.
Ach, könnte ich zuweilen in Ihr Bauernhaus laufen! wie steht es mir vor in all seinen Einzelnheiten – und Sie! wie entzückt mich jeder heitere Blick, den ich Ihnen abgelauscht – diese ruhigen, milden Züge, aus denen der Streit verschwunden, und die Anmuth, mit der Gesundheit zurückgekehrt. Sie müssen glücklich sein, denn so sieht Glück aus!
Dann blicke ich in meinen Räumen umher – und frage, ob es Ihnen just so recht sein würde, und denken Sie nur, ich sage immer: ja! und nicke ordentlich meinem grünen Thurm (wie ich und die Freunde es bei mir nennen) zu, als wär' er unruhig darum. Albern bin ich auch immer noch, das haben Sie längst gemerkt, und besser, ich gestehe es Ihnen ein.
Schön war unsere Rückreise! Einmal an der Ahr saßen wir auf einem Felsen bei dem alten Ahrschloß und dem höchsten Wunder herbstlicher Lichteffecte; wenn mir das einfällt, nun mich Berlin wieder eingefangen hat, so begreife ich nicht, warum wir wiedergekommen sind. Berlin erdrückt mich, dieser Lärm! so viel Leute! so viel Redensarten – ich wünsche oft, es wäre eine große Schlafstube und alle Leute lägen zu Bett und schliefen, vielleicht hätte ich dann Muth zu wachen, aber so kribbelt alles so begierig durcheinander, daß ich die Augen zumachen muß, um nicht zu schwindeln. Besser wird es mit der Zeit, das weiß ich auch – wenn ich erst keine Visitenkarte mehr habe, und des Morgens im Bett mir den Tag eintheile, wie eine fleißige Maid, die noch bei der Mutter ist – dann werde ich jede Stunde heiterer und finde zuletzt alle Menschen liebenswürdig, weil ich sie nicht mehr besuchen muß – einige besuche ich natürlich gern, und diese unterbrechen dann reizend diese glückseligste Ruhe! Ruhe! es ist für mich ein Zauber in dem Worte – mein schwer sich entwickelnder Geist hat sie zu Allem nöthig, ich fühle, ich bin nichts, oder mit dem wenigen, was ich geben kann, ganz verschüchtert, und wie mit festen Deckeln verschlossen, wenn es um mich lärmt und sich beträgt und weiß und thut – und ich alles nicht begreife, und den Anfang nicht verstanden habe, wenn sie schon prätendiren das Ende gemacht zu haben. Denken Sie selbst, wie schlecht ich da zurecht komme, überdieß mit meinem Verlangen die Dinge wirklich zu verstehn.
Wenn da eine liebe Hand kommt, die nicht eine rednerische Stimme bei sich hat und die Deckel springen lassen kann, weil sie nicht darauf hämmert, sondern bloß aufheben hilft, wie ich da glücklich bin. Sie könnten das auch! und da haben Sie meine hundertste Liebeserklärung! – und lassen Sie meinen Bruder noch überdies Ihre schönen Hände küssen und vergessen Sie ihn nicht, wie er Sie verehrt und bewundert – und seien Sie gut und nicht böse über dies styllose Brieffragment – und – Immermann sagt, Sie hätten sich auch zu mir gefreut – und ich glaube es und bin Ihnen gut und getreu bis in den Tod.
Henriette P. geb. Wach.