2.

Berlin, den 17. Dezember 1833.

Mein grüner Thurm war von Dezemberstürmen und Regenströmen wie in ein doppeltes Bollwerk gegen die Außenwelt gehüllt und ich saß vergnüglich mitten drin, und freute mich des schwierigen Hinein- und Hinauskommens. Da kam Ihr Briefchen und mir war, als ob ein Blumenstrauß durch's Fenster geflogen wäre, und wie man nicht aufhört, Blumen zu betrachten, und wie sie bald die Atmosphäre umwandeln, und wie ein Glück ohne Namen uns erhöhn, so war mir und keine liebere Stunde Ihnen zu antworten, als die, die ich Ihnen so schön verdanke!

Als ich es gefunden hatte, daß ich Ihnen antworten müßte, lachte ich ganz lustig hin, und mit allem Guten, was die Stunde mir gebracht, dankte ich dies meiner jungen Freundschaft mit Immermann herzlicher als er denkt.

Denn sicher ist, liebe, theure Freundin, vor Ihren holdseligen Worten wäre ich doch noch mit allen ins Leben springenden Empfindungen blöde stehen geblieben, zweifelnd ob ich antworten dürfe – aber mein junger Freund schenkt mir etwas, und wo seit dem Christenthum hätte man nicht gedankt ob einer Gabe?

Dabei ist es äußerst reizend für mich, daß ich noch nicht weiß, was er mir schenkt; denn mein treuer Diener ringt erst darum mit Sturm und Regen und Postdienern und Packkammern. Ich denke, es ist »Merlin«! – Dies wollte ich längst schon der Welt gern aus den rohen Händen nehmen und wäre ich ein König, wollte ich die Tafelrunde wählen, die es wie ein goldner Reif den Juwel umschließen sollte. Ich erfuhr daran wieder eine Erfüllung! – gleich Ruhe damit! – ein unerschütterliches, reines, drüber Genießen – entweder ein nicht Verstehn, oder ein durch Verstehn dessen, warum die Welt roh mit wird! Wenn es also das ist! was wird es hübsch sein, wenn ich weiß, er selbst dachte es mir zu!

Theure Gräfin! Mein ganzes Briefchen wird – zwar nicht bunt wie ein Blumenstrauß, aber bunt wie heitere Gedanken! – und sie kann ich nicht lassen, wenn ich Sie denke! Nichts Süßeres, als wenn die Welt wieder um eine kleine glückselige Insel größer wird – Felsen und Ströme und Wälder und Schlösser und Hütten, die thun's nicht – sondern die göttliche Staffage der Erde, die Menschen! Weiß ich nur irgendwo dies beste Geschenk des Himmels, ist mir so selig wie dem Astronomen, vor einem sich plötzlich mit einem neuen Sternenbild anfüllenden leeren Himmelsraum! Immer und für immer habe ich Sie bei aller Trennung festgehalten, froh mich begnügend, daß ich wußte Sie waren da! Aber Sie so wiederzufinden, an den langen bescheiden empfundenen Besitz das lebendige Glück eines verstehenden Ineinanderblickens zu reihen, das sind Glanzlichter, zu denen man sagt: das Leben ist doch schön! Leicht sehe ich ein Bild von dem, was mich lebhaft erfaßt hat, und jeder Blick hin giebt mir das Bild – es ist dann das geistige Resultat, was in mir davon gekommen. So sehe ich nicht die Thür zu Ihrem Häuschen, sondern ich sehe einen Eingang zu Ihnen mit goldnen Saiten bespannt! auch Immermann sehe ich nicht dahinter, aber einen Dichter. Drüber sehe ich Sie nicht – aber einen schönen weißen Schwan mit breiten weiten Flügeln – nicht Ihre Zimmer, aber tief grünen, frischen Epheu dicht in einander gerankt, darauf ruht der Schwan, und hört zu! Sehen Sie, so allerliebst kommt es mir jedesmal in die Seele, wenn ich an Sie denke!

Ob ich müde würde, die Thür zu öffnen, an die Sie klopften?

Am liebsten spreche ich mit Wilhelm von Ihnen! Wie glücklich bin ich, daß er so glücklich war, Sie zu sehen! Er küßt Ihre schönen Fingerspitzen! Lassen Sie ihn gut wohnen in Ihren holden Gedanken neben mir!

Von ganzem Herzen